Jahreszeiten

Ostern – es muss heute geschehen!

Wo wir Menschen keine Worte mehr finden, fängt Gott an. Wo eine Wand war, öffnet sich ein Tor. Wo eine Mauer undurchdringlich schien, beginnt ein Weg. Denen, die sich mit Trauer und mit dem Ende ihrer Hoffnungen abgefunden haben, tut sich ein unermesslicher Raum auf und sie hören die Aufforderung, sich auf das Neue vor ihren Augen und in ihren Herzen einzulassen. Das ist die unglaubliche, etwas erschreckende aber doch Kraft und Hoffnung spendende Osterbotschaft. Ein Sieg des Lebens über den Tod.

Der Frühling kommt langsam und spürbar auf uns zu. Nicht nur als blosse Jahreszeit, sondern er bringt einen gewissen Aufbruch mit sich. Nach dem Winter soll nun alles anders werden. Die Natur soll ein neues Leben beginnen und eine neue Kraft erfahren. Damit wachsen Erwartungen, Hoffnungen, Pläne, denen wir Menschen auch gerne entsprechen. 

Nach dem Frühlingsbeginn feiern wir jedes Jahr ein wichtiges Fest – Ostern. Es hat kein bestimmtes Datum wie z.B. Weihnachten (immer am 25. Dezember) aber es kommt nach einer festen Regel, immer am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlings-Vollmond. So feiern wir Ostern dieses Jahr schon am 27. März.  

Es ist ein wichtiges Fest des Christentums, das mit Auferstehung Jesu Christi zu tun hat. Seine Botschaft lautet: Jesus ist von dem Tod auferweckt worden, er lebt! Anders gesagt nicht dem Tod gehört das letzte Wort, sondern dem Leben. Obwohl dieses Geschehen, Auferstehung Jesu Christi vor ca. 1983 Jahren, historisch nicht bewiesen wurde, wurden die Überzeugung und der Glaube seiner Jünger und Zeitgenossen daran nachgewiesen. Und eben dieser Glaube prägte ihre Haltung und gab ihnen eine so grosse Wirkungskraft, dass wir sie heute noch in Form des Christentums erleben. Das feiern wir am Ostern.

Nicht der Tod, sondern das Leben hat das letzte Wort. Der Tote Lebt! Das Unmögliche ist möglich geworden. Eine unvorstellbare unglaubliche Botschaft und damit verbundene Lebenskraft, die uns Ostern schenkt.

Das Markusevangelium berichtet von den Frauen, die einem Toten den letzten Dienst tun wollten und als sie zum Grab kamen, hörten: Er lebt! Sie freuten sich nicht, sondern erschraken. Am Grab erwartet man ja nicht Leben.

Ich meine, man kann Ostern nicht feiern, ohne ein bisschen den Schrecken darüber zu empfinden, wie sehr Gott unsere Erwartungen auf den Kopf gestellt hat.
Ostern kann man feiern als Brauch mit ein wenig Gefühl. Es geht aber und vor allem um die entscheidende Wirklichkeit unseres Lebens.

Ostern bedeutet: Ich habe Zukunft, ich, ganz persönlich, habe Zukunft. Ich darf auferstehen aus meiner Dunkelheit, aus meinem Unvermögen, meiner Ohnmacht, meiner Krankheit und meiner Schuld. Ich darf auferstehen gegen alle Erfahrungen meines Lebens. Das soll durch Ostern – heute Geschehen.

Die besten Ostererfahrungen wünscht Ihnen
Josef Sowinski, Ihr Klinikseelsorger
 

Geschichten erzählen...

In der Adventszeit werden gerne verschiedene Geschichten aus dem eigenen Leben sowie beliebte Weihnachtsgeschichten erzählt. Hier eine Mut machende und berührende Erzählung von einer Orange, deren Vitamine Körper und Seele stärken.

Die Apfelsine des Waisenknaben

Schon als kleiner Junge hatte ich meine Eltern verloren und kam mit neun Jahren in ein Waisenhaus in der Nähe von London. Es war mehr wie ein Gefängnis. Wir mussten 14 Stunden am Tag arbeiten, im Garten, in der Küche, im Stall, auf dem Felde.
 

Kein Tag brachte Abwechslung, und im ganzen Jahr gab es für uns nur einen einzigen Ruhetag: Das war der Weihnachtstag, dann bekam jeder Junge eine Apfelsine zum Christfest. Das war alles, kein Spielzeug, keine Süßigkeiten. Aber auch diese eine Apfelsine bekamen nur diejenigen, die sich im Laufe des Jahres nichts hatten zu Schulden kommen lassen und immer folgsam waren.
Die Apfelsine an Weihnachten verkörperte die Sehnsucht eines ganzen Jahres.
 

So war wieder einmal das Christfest herangekommen. Aber es bedeutete für mein Knabenherz fast das Ende der Welt. Während die anderen Jungs am Waisenhausvater vorbeischritten und jeder seine Apfelsine in Empfang nahm, musste ich in einer Zimmerecke stehen und zusehen. Das war meine Strafe dafür, dass ich eines Tages aus dem Waisenhaus hatte weglaufen wollen.
 

Als die Geschenkverteilung vorüber war, durften die anderen Kinder im Hof spielen. Ich aber musste in den Schlafraum gehen und dort den ganzen Tag über im Bett liegen bleiben.
 

Ich war tieftraurig und beschämt. Ich weinte und wollte nicht länger leben. Nach einer Weile hörte ich Schritte im Zimmer. Eine Hand zog die Bettdecke weg, unter der ich mich verkrochen hatte. Ich blickte auf. Ein kleiner Junge namens William stand vor meinem Bett, hatte eine Apfelsine in der rechten Hand und hielt sie mir entgegen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Wo
sollte eine überzählige Apfelsine hergekommen sein?
 

Ich sah abwechselnd auf William und auf die Frucht und fühlte dumpf in mir, dass es mit der Apfelsine eine besondere Bewandtnis haben müsse.
 

Auf einmal kam mir zu Bewusstsein, dass die Apfelsine bereits geschält war.Als ich näher hinblickte, wurde mir alles klar und Tränen kamen in meine Augen. Als ich die Hand ausstreckte, um die Frucht entgegen zu nehmen, da wusste ich, dass ich fest zupacken musste, damit sie nicht
auseinander fiel.
 

Was war geschehen? Zehn Knaben hatten sich im Hof zusammen getan und beschlossen, dass auch ich zu Weihnachten meine Apfelsine haben müsse. So hatte jeder die seine geschält und eine Scheibe abgetrennt. Die zehn abgetrennten Scheiben hatten sie sorgfältig zu einer neuen schönen und runden Apfelsine zusammengesetzt.
 

Diese Apfelsine war das schönste Weihnachtsgeschenk in meinem Leben. Sie lehrte mich, wie trostvoll echte Freundschaft sein kann.
 

nach Charles Dickens 1812 – 1870