In Bildern sehen Menschen mehr als darauf festgehalten ist. Ein Bild weckt Erinnerungen an Erlebnisse, an andere Menschen, an Schweres oder Schönes, an Fröhliches und Trauriges. Bilder können Symbole sein für das, was einen Menschen zu dem gemacht hat, was er geworden ist, was ihn geprägt, ermutigt und verunsichert hat. Der Blick auf ein Foto von Soldanellen, die nach dem Tauen des Schnees aus dem noch braunen Alpenboden spriessen, sagt mehr aus als eine Abhandlung über den Aufbau der Kräfte nach einer schweren Operation. Das hier abgebildete gefleckte Knabenkraut, eine Orchidee, die in diesen Wochen vielerorts in den Alpen blüht, glänzt neben der Alpenrose im Festkleid der Lebensfreude.

Bilder regen an, aus dem eigenen Leben zu erzählen. Sie sind etwas ganz Persönliches. Früher standen in jedem Haushalt Fotoalben. Heute lassen wir Fotobücher drucken und sammeln unsere Erinnerungen digital. An der Bedeutung des Bildes hat sich trotz der Veränderung der Aufbewahrung nichts verändert.
Sobald mehrere Augenpaare auf ein Bild schauen, öffnet sich ein Interpretationsraum. Die Betrachtung desselben Bildes lässt unterschiedliche Gedanken entstehen. Eine farbige Welt tut sich auf. Bilder sind universal. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Sprachen deuten sie und lassen sich von ihnen berühren. Das Betrachten von Bildern stärkt das Miteinander.

Die Bibel ist voller Bildworte und Vergleiche. Hier nur drei Beispiele:
«Der Mensch, der auf Gott vertraut ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt…» Jeremia 17,7-8
«Seht die Vögel des Himmels an…» Matthäus 6,26
«Schaut die Lilien auf dem Feld an…» Matthäus 6,28

Das vor Augen gemalte Bild wird in diesen Texten zu einem Zeichen für eine Wirklichkeit, die umfassender ist als alles, was wir uns vorstellen können. In diese Wirklichkeit hinein gehören wir. Sie macht frei und schenkt Geborgenheit. Sie regt an zu denken und zu interpretieren, zu gestalten, zu formen, dazu über sich selbst hinaus zu gehen und dazu, ganz bei sich zu sein, geborgen, gehalten getragen. Dazu zu loben, zu singen, zu musizieren. Danke zu sagen, danke für das Leben…

Esther Wannenmacher, Klinikseelsorgerin