Warum Fastenzeit in der Pandemie?

Am Aschermittwoch, mitten in der Pandemie, hat die Fastenzeit begonnen. Sie wird 40 Tage, bis Ostern, dauern. Es stellt sich die Frage: Sollen wir jetzt auch noch fasten, wenn wir mit den harten Konsequenzen der Pandemie doch schon seit einem Jahr beschäftigt sind?

Nie war die Fastenzeit wichtiger als heute. Mehr denn je ist sie eine Zeit der Besinnung, des Innehaltens und der Reflexion. In unserem Leben können wir nicht nur, wie es oft verlangt wird und üblich ist, hektisch von einem Ort zum anderen rennen. Vielmehr brauchen wir ein Wertgefühl, um jene grossen Leistungen zu bieten, die von uns erwartet werden. Wollen wir körperlich und geistig dauerhaft gesund bleiben, brauchen wir, körperlich und geistig ab und zu eine Pause. Das ist die Fastenzeit.

Denken wir an das Fasten, kommt vielen meist nur ein Verzicht in den Sinn. Wir wissen es, verzichten fällt schwer. Der Gegensatz des Verzichtens ist der Konsum. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, weshalb es vielen nur dann gut geht, wenn sie konsumieren können.

Die Fastenzeit bietet uns Gelegenheit, Antworten auch auf die Fragen zu finden, die in unserer gegenwärtigen Situation von Bedeutung sind.

Was beschäftigt mich jetzt? Wonach strebe ich? Bewege ich mich in die richtige Richtung? Ist das, was ich tue, gut für mich und das Leben in meiner Gesellschaft, der ich diene? Oder braucht es eine Korrektur des Kurses, den ich eingeschlagen habe? Was soll ich tun für meinen Geist und meine Seele, damit ich wirklich gesund bleibe?

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen, die sonst selten gestellt werden, fordert die Tradition des Fastens den Verzicht auf zu viel Essen und Trinken. Vor allem auf Fleisch und andere Genüsse, wo die Zahl der Warnungen in den letzten Jahren ohnehin immer grösser wurde. Der bewusste Verzicht darauf soll helfen, unseren Geist zu erneuern, ihn aufblühen zu lassen. Aus langjähriger Erfahrung kann ich bestätigen, dass dies wirkt.

Die Pandemie hat unser Leben und Denken in vielem beeinflusst und verändert. Viele leiden unter dieser Last, weil der erzwungene Verzicht massiv ist. Wir alle warten ungeduldig auf eine neue Zeit, wo wir diesen Druck, der auf uns lastet, abschütteln können.

Die Fastenzeit, richtig verstanden und ausgeübt, hilft uns, die Pandemiezeit besser zu überstehen. Wir haben Zeit, in uns zu gehen und unsere Werke zu überdenken.

Ist dies nicht eine Chance für jeden, der sie ergreift?

Ich wünsche uns allen deshalb eine gute Fastenzeit. Nutzen wir diese.

Josef Sowinski, Ihr Klinikseelsorger