Wegwort zum Jahresbeginn

Die Jahreslosung für das Jahr 2020

Bei der Jahreslosung der christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum Europas handelt es sich um eine einprägsame und motivierende Bibelstelle, die von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt wird. Die Auswahl findet jeweils vier Jahre im Voraus statt, sodass die aktuelle politische Situation nicht im Blick ist. Vielmehr soll das Wort ermutigen, Hoffnung wecken und stärken.  Für dieses Jahr fiel die Wahl auf folgendes Wort:

 

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Markus, 9,24

Es geht in diesem Wort  um Ohnmacht einerseits und Vollmacht andererseits, um Versinken und Gehaltenwerden, um Verzweiflung und Hoffnung.

Im 9. Kapitel des Markusevangeliums wird berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes ein tiefes Glaubenserlebnis hatte. Ganz allein zogen sie sich auf einen Berg zurück, der später «Berg der Verklärung» genannt wurde. In hellem Licht begegneten sie gemeinsam Persönlichkeiten aus der Geschichte ihres Glaubens und waren sehr berührt und gestärkt davon. Am liebsten wären sie da geblieben. Aber die alltäglichen Verpflichtungen riefen sie zurück in die Ebene. Dort wurden sie mit einer sehr anspruchsvollen Situation konfrontiert. Sie kamen aus dem hellen Licht und traten mitten hinein in eine schwere Leidensgeschichte. Ein Vater brachte seinen kranken, von Epilepsie betroffenen Sohn zu Jesus. Er sagte zu Jesus: «Hab doch Mitleid mit meiner Familie. Seit Kleinkindertagen hat mein Sohn diese Anfälle. Hilf uns, wenn, du kannst.» Jesus antwortete: «Wenn ich kann? Alles ist möglich, wenn du mir vertraust.» Der Vater schreit es schliesslich aus sich heraus, hin- und hergerissen zwischen dem Leid, das auf der ganzen Familie lastet und dem Hoffnungsschimmer, der sich in der Begegnung mit Jesus zeigt: «Ich glaube, hilf meinem Unglauben.» Es wird weiter berichtet, dass Jesus dem Vater geholfen und den Jungen geheilt hat.

Glauben hat mit Vertrauen zu tun, damit, sich Gott zu überlassen. Auch wenn es nach dem gesunden Menschenverstand nicht danach aussieht, dass sich dadurch etwas verändern liesse. Der Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard spricht vom Sprung über den Graben. Glaube bedeutet loslassen, sich Gott anvertrauen, manchmal entgegen aller Vernunft und Logik. Springen, auch wenn es nicht sicher ist, wo man ankommt. Seinen Geist auf etwas anderes richten als auf die bedrohliche Lebenssituation. Seinen Blick aus der eigenen quälenden Lebenslage hinaus richtenIm

Eine Patientin erzählte, dass sie von heftigen Schmerzen geplagt wurde. Bis die Schmerzmittel langsam Wirkung zeigten, hat sie versucht, ihre Gedanken auf etwas ganz anderes zu richten. Sie sagte still in sich auswendig gelernte Texte und Gedichte aus ihrer Schulzeit auf. Darunter war auch der 23. Psalm. Das hat sie stabil gehalten und nicht untergehen lassen. Mit ihrem Geist ist sie hinübergesprungen auch wider besseres Wissen in die Worte hinein: «Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein.» Psalm 23,5

Die Jahreslosung weist den Weg dahin, dass wir uns der Kraft eines anderen überlassen, dass wir versuchen zu vertrauen und wenn es nicht gelingt und vieles dagegen spricht, es nochmals versuchen und nicht aufgeben.

Pfarrerin Esther Wannenmacher, reformierte Seelsorgerin