Zum Weg-Wort

Weg-Wort zur Sommerzeit

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit!“ heisst es in einem alten Kirchenlied.

In der Tat: Der Sommer lädt uns ein, Zeit in der Natur zu verbringen, uns an den Farben und der Fülle der Blumen, Sträucher und Bäume zu erfreuen und uns stärken zu lassen von der Kraft, die die Äpfel und Kirschen und Rapsfelder wachsen lässt. 

Die Sommerzeit verbinden wir mit Attributen wie Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Freude und Fülle. Oder wie es Clara in G. Gershwins Porgy und Bess in ihrem Wiegelied singt: “Summertime and the living is easy…“

So „easy“ – wie sich die Sommerzeit präsentiert - durchleben nicht alle Patientinnen und Patienten diese Tage. Oder – wie mir die Ehefrau eines Patienten gesagt hat – die Krankheiten halten sich nicht an die Jahreszeit.  

Deshalb geht mein Wunsch besonders an die Menschen, die in der Klinik oder anderswo physisch und psychisch herausgefordert sind, dass der Sommer Ihnen Inseln von unbeschwerten Momenten schenken kann.

In einem Radiointerview  sagte die Lyrikerin Hilde Domin über sich selbst:
"Ich bin ein "Dennoch-Mensch", weil ich es schwer gehabt hab, aber ich wollte das im Leben, was ich lieben kann, dennoch lieb haben.“

Aus ihrer wunderbaren Gedichtsammlung habe ich das folgende Gedicht für Sie ausgewählt:

Wahl

Ein Mandelbaum sein
eine kleine Wolke
in Kopfhöhe über dem Boden
ganz hell
einmal im Jahr

Einer im kleinen Stosstrupp
des Frühlings
keinem zu Leid als sich selber
im Glauben an einen blauen Tag
vor Kälte verbrennen

Ein kleiner Mandelbaum sein
am Südhang der Pyrenäen
oder im Rheintal
der bleibt und wächst
wo er gepflanzt ist

Aber entlang gehen
bei diesem Mandelbaum
oder ihn plötzlich sehn
wenn der Zug
aus dem Tunnel kommt

Lachen und Weinen und die unmögliche Wahl haben
und nichts ganz recht tun
und nichts ganz verkehrt
und vielleicht alles verlieren

Doch mit Ja und Nein und Für-immer-vorbei
nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten

 

Pfrn. Helen Trautvetter