Zum Weg-Wort

Herbst – Abschied

Der lange und heisse Sommer 2018 ist endgültig vorbei. Lange hat er uns in diesem Jahr  mit seiner aussergewöhnlichen Wärme begleitet.  Nun spüren wir den Kontrast. Der Herbst mir seinen kühleren Temperaturen stimmt uns völlig anders ein. Von Vergangenem nehmen wir Abschied, auch von Menschen, die nicht mehr da, nicht mehr unter uns sind. Es bleiben jedoch Erinnerungen, die uns das Vergangene gegenwärtig machen.

Ein Paradox? Liegt darin ein Sinn?
Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht mit dem Titel „Herbst“ schreibt:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, 
als welkten in den Himmeln ferne Gärten; 
sie fallen mit verneinender Gebärde. 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde 
aus allen Sternen in die Einsamkeit. 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. 
Und sieh dir andre an: es ist in allen. 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen 
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Lassen wir uns durch seine Gedanken in diesem Herbst begleiten!

Eine schöne Herbstzeit wünscht Ihnen

Josef Sowinski, Ihr Klinikseelsorger

Hilfe annehmen

Wie schwer es einem doch fallen kann, Hilfe anzunehmen. Ich denke an die erfolgreiche Geschäftsfrau, die es sich gewohnt war, allein mit allem fertig zu werden und der vieles gelingen durfte. Diese Erfahrung stärkte und ermutigte sie. Das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten war gross. Wie aus heiterem Himmel trifft sie   eine Diagnose, die sie aus ihrer Bahn wirft. Sie hat eine schwere fortschreitende Erkrankung, die nicht heilbar ist. Nach dem ersten Schrecken und vielen Gesprächen mit Fachpersonen in der Klinik und ambulant gelingt ihr ein wichtiger Schritt. Sie erkennt, dass sie nicht allein damit fertig werden muss. Dass sie trotz allem und mit dieser Krankheit ein gutes lebenswertes Leben vor sich hat. Die Fähigkeit, Hilfe annehmen zu können, ist eine wichtige Kompetenz, die ein Mensch entwickeln kann. Oft hat er sie nicht einfach so. Vertrauen in andere Menschen kann wachsen. Sich anderen zuzuwenden und sie um Hilfe zu bitten, ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern ein Ausdruck von Vertrauen und Reife.

Ein Gebet für den Eidgenössischen Dank- Buss- und Bettag und die herbstlichen Tage, die Folgen:

Vertrauen

Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen
leg ich meinen Tag in deine Hand.
Sei mein Heute, sei mein Morgen,
Sei mein Gestern, das ich überwand.

Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen.
Bin aus deinem Mosaik ein Stein.
Wirst mich an die rechte Stelle legen,
Deinen Händen bette ich mich ein.

Edith Stein

Alles hat seine Stunde

Der Prediger Kohelet sagt, dass alles seine Stunde hat. Er schreibt: „Es gibt eine  Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, …eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, …eine Zeit  für die Klage und eine für den Tanz … und eine Zeit zum Lieben“ (vgl.Koh 3,1.ff) Diesen Katalog könnte man fortführen.

Für uns ist aber wichtig, unserer gegenwertiger Stunde bewusst zu werden und ihr  gegenüber Rechnung zu tragen. In welcher Zeit lebe ich heute?

Es ist Sommer, eine wunderschöne Zeit!  Zeit, auf die man lange wartet, die man plant, in der man etwas unternehmen will, die man geniessen will, die uns gut stimmt und die man auf keinen Fall verpassen will.

Sommer ist Ferienzeit. Nach der Zeit der Arbeit wollen wir uns  erholen und zur Kraft kommen. Sommer bietet dazu unzählige Möglichkeiten. Jeder nach seinem Geschmack und Phantasie gestaltet diese Zeit. Wie sollen wir unseren Sommer gestalten?

Der Poet Theodor Fontane (1819-1898) gibt in seinem Gedicht eine Idee.

 

Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
es fallen deine Sorgen
wie Nebel von dir ab

Des Himmels heitre Bläue
Lacht dir ins Herz hinein
Und schliesst, wie Gottes Treue,
mit seinem Dach dich ein. 

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
dir ist, als zöge die Liebe
des Weges nebenher

So heimlich alles klingt
Als wie im Vatershaus,
und über die Lerchen schwingt
die Seele sich hinaus.o

Wunderschönen Sommer  wünscht Ihnen
Josef Sowinski, Ihr Klinikseelsorger

Pfingsten

50 Tage nach Ostern feiern wir Pfingsten.  Was aber ist der Inhalt dieses Festes, wenn man einmal davon absieht, dass wir freie Tage geniessen können? Im neutestamentlichen Buch der Apostelgeschichte steht, dass Gott am Pfingstfest den Heiligen Geist über die Jüngerinnen und Jünger Jesu ausgiesst. Der Geist  ist die spürbare Gegenwart Gottes in den Herzen der Menschen. Im Griechischen heisst der Geist „Pneuma“ oder „Energeia“. Wie der Atem die Lunge weitet, so erfüllt und stärkt der Geist Gottes Menschen, wenn sie meditieren, beten, Gottesdienst feiern, Musik hören, die Schöpfung geniessen.  Im Hebräischen heisst der Geist Gottes „ruach“ was einen weiblichen Artikel hat und mit „die Geistkraft“ übersetzt werden kann. Ursprünglich meint der Begriff den Leben spendenden Atem oder den rauschenden Wind. Der Prophet Sacharja sagt, dass nicht Gewalt die Welt verändert, sondern die Geistkraft Gottes. Er sagt damit, dass die Energie, die Gott schenkt, ausdauernder und wirksamer ist als das, was wir vor Augen haben und was manchmal nur schwer zu ertragen ist. Ein Grund zur Hoffnung.

Mit einem Liedvers des Dichters Paul Gerhardt lade ich Sie ein, die Energie Gottes für das eigene Leben zu erbitten:

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben;
verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben. Amen

Wenn das Herz brennt...

Ostern ist das Fest des Lebens und gerade in schweren Stunden sind in unserem Leben Ostern und Karfreitag ganz nahe beieinander. Ja, sogar ineinander. Schwer kranke Menschen erzählen von der Freude am Leben. Trauernde davon, dass sie in ihren Herzen ein wärmendes Feuer spüren. Da ist diese wunderbare Geschichte aus dem Lukasevangelium von den zwei Emmausjüngern, die entmutigt und desillusioniert die Stadt Jerusalem verlassen. Jesus ist tot und ihre Hoffnungen und Träume sind zerplatzt. Unterwegs begegnet ihnen ein Wanderer, dem sie ihr Herz ausschütten. Als sie abends zu Hause ankommen, laden sie den unbekannten Begleiter zu sich ein. Die Worte, die sie unter der Tür zu ihm sagen, sind zu geflügelten Worten geworden und vielfach vertont: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Erst später, als er am Tisch das Brot bricht, erkennen sie, wen sie als Gast eingeladen haben:  die Kraftquelle ihres Lebens, den auferstandenen Christus. Und sie spüren in sich hinein, spüren dieser Begegnung unterwegs nach und merken, wie sehr er sie innerlich berührt hat. „Brannte nicht unser Herz in uns,“ sagen sie zueinander.  Er hat in uns drin etwas zum Klingen gebracht. Die Lebensfreude, die wir verloren glaubten, ist zurückgekommen. Der Mut aufzustehen und weiterzugehen. Die Energie nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für das der anderen.  

Ostern ist dann, wenn das Herz brennt. Manchmal auch mitten in schwerer Zeit.

Ein Gebet von A.S. Naegeli, das Karfreitag und Ostern im Leben Raum gibt:

Wenn die Finsternis
immer finsterer wird
und die Nacht uns zu verschlingen droht,
wollen wir dessen eingedenk sein,
dass Ostern anbrach,
als es Nacht war.

Wenn sich die dunkle Nacht der Schwermut
einer eisernen Klammer gleich
um meine Seele legt
und alles Leben aus mir weicht,
lass mich in deine Hände fallen, Gott,
denn du bist meine Zuflucht in der Nacht der Seele.

Alle Kraft ist dein:
die Kraft zu bergen
und zu trösten,
die Kraft aufzurichten
und zu heilen,
zu verwandeln
und zu erneuern,
lebendig zu machen
und Hoffnung zu wecken.
Du lässt es Tag werden in mir,
und im Morgengrauen
werde ich erkennen:

Du warst Gefährte meiner Nacht.

Esther Wannenmacher, Reformierte Seelsorgerin

 

Fasten

Sich unterbrechen
im alltäglichen Einerlei,
eingespielte Gewohnheiten ablegen
wie einen verschlissenen Mantel.

 
Aussteigen aus dem
»Das war schon immer so«,
alte Denkmuster überprüfen,
ob sie noch greifen.
 
Frei werden, Neues einlassen
in Herz und Hirn.
Das Unmögliche für möglich halten
und dem Himmel die Türen öffnen.

Tina Willms

Mit dem Aschermittwoch am 14. Februar hat in den katholischen Gegenden die 40-tägige Fastenzeit begonnen. Von der strengen kirchlichen Fastenordnung der vergangenen Jahrhunderte ist wenig übrig geblieben. Das Fasten selbst ist zwar in Mode, aber meist nur, um überflüssige Kilos mühsam los zu werden. Es finden sich allerdings heute in vielen Kirchgemeinden und Bildungshäusern auch Menschen zu Fastengruppen zusammen, die eine alte Sicht des Verzichtens und Fastens vor Ostern wieder aufgreifen.

Das Fasten hat eine lange Tradition in fast allen Religionen. Die grossen Religionsstifter haben die Erfüllung ihres Auftrags durch Fasten vorbereitet. Mose fastete auf dem Sinai, bevor ihm die Zehn Gebote offenbart wurden. Jesus ging in die Wüste, um 40 Tage und Nächte zu fasten, bevor er die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft öffentlich verkündete. Mohammed ging auf den Berg Hira, bevor ihm der Koran offenbart wurde, und Buddha unter dem Bodhi-Baum, bevor er die Erleuchtung erlangte.

Dieses religiöse Fasten damals und heute hat die Reinigung von Körper und Geist zum Ziel. Dabei steht der Verzicht nur am Anfang. Es geht vielmehr darum, frei zu werden für Neues, Grösseres. Viele berichten von guten Erfahrungen bei solchem Verzicht: ein Gefühl der geistigen Wachheit und des Wohlbefindens.

Die 40-tägige Fastenzeit ist eine Einladung, uns auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Sie ist eine Zeit der Besinnung: Wofür setze ich mich ein im Leben? Wofür verwende ich meine (begrenzte) Zeit? Was sind meine Ziele?

Heute beginnt der Rest meines Lebens.

Pfrn. Helen Trautvetter

Wegwort zum Neuen Jahr 2018

Die Zeit unseres Lebens
Wieder liegt ein Jahr hinter uns. Für manche war es ein gutes Jahr, andere haben Leid und Enttäuschung erlebt. Wieder andere sind unbefriedigt, weil sie das Gefühl haben, die Zeit sei ihnen zwischen den Fingern zerronnen.
An der Schwelle zum Neuen Jahr sollten wir innehalten und überlegen, ob die Richtung unseres Lebens noch „stimmt" oder wir einen neuen Anfang machen wollen. Einige Gedanken über die Zeit können uns dabei behilflich sein.

Was ist Zeit?
Wieder liegen 365 Tage vor uns, die wir gestalten können und müssen. Oft glauben wir, unter Zeitdruck zu stehen, der uns überfordert. Es gibt aber Phasen in unserem Leben, da wünschen wir uns, die Zeit möge schneller vergehen. Was ist Zeit? Auf diese Frage werden wir ganz verschiedenen Antworten erhalten. Je nach dem, an wen wir uns wenden. Ein Philosoph wird es vielleicht so sagen: Wir Menschen schaffen die Zeit durch unser Bewusstsein. Ein Physiker wird auf die messbare Zeit verweisen, uns aber durch Begriffe wie „Relativität" oder „Zeitdehnung" verwirren. Für den Theologen steht die Zeit im Gegensatz zur Ewigkeit: Im Anfang hat der unendliche Gott die zeitlose Welt geschaffen.

Wir Menschen stehen mitten in der Zeit. Wir erleben, wie alles vorüber geht und zur Vergangenheit wird. In der Erinnerung wird lebendig, was gestern war. In Vorfreude oder Sorge schauen wir voraus in die Zukunft. Doch wir können weder das Gestern zurückholen noch die Zukunft herbei zwingen. Wir leben im Heute. Manchmal möchten wir die Uhr anhalten: Wir klammern uns an Menschen, Dinge, die uns wichtig sind - und stellen fest, wie uns alles entgleitet. Wir können die „Geschwindigkeit", mit der die Zeit vergeht, nicht beeinflussen. Oder doch? Es gibt Zeiten, da leben wir intensiv, kosten jede Minute aus. - und Tage, an denen wir scheinbar nur „die Zeit totschlagen".

Zeit ist für uns Menschen immer erlebte, gelebte Zeit. Wir können nicht verhindern, dass das Heute zum Gestern wird, aber wir können das Heute gestalten. Denken wir nur an Redewendungen, die wir täglich benützen: „Ich habe keine Zeit", sagt der eine; „dafür nehme ich mir die Zeit", sagt der andere. Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, können wir so oder so nutzen.

Viele Dinge brauchen Zeit, um zu reifen. Wenn ein Mensch zur Welt kommt, ist er noch nicht „fertig", seine Persönlichkeit muss sich erst entwickeln. Eine Freundschaft muss wachsen, Partnerschaft ist eine oft lebenslange Aufgabe. „Die Zeit heilt Wunden" - an dieser Redensart ist etwas Wahres: Aus der zeitlichen Distanz sehen die Dinge anders aus als im unmittelbaren Erleben. Verletzungen tun nicht mehr so weh, obwohl überall dort, wo einmal Wunden waren, Narben zurück bleiben. Deshalb genügt es auch nicht, darauf zu vertrauen, dass sich „mit der Zeit" schon alles einrenken werde. Die Psychologen sagen uns, dass man schmerzliche Erfahrungen verarbeiten muss. Es wäre falsch, Leiden und Schmerz zu unterdrücken oder Meinungsverschiedenheiten unter den Teppich zu kehren. Aus dem Misston kann schnell Entfremdung werden. Verarbeitung der Zeit ist eine wertvolle Sache.

Zeit ist ein Reichtum unsrer Erfahrungen, an deren Mitgestaltung auch wir wesentlich mitwirken und mittragen können.
Vor uns liegen wieder einmal 365 Tage, ein Neues Jahr 2018! Was bringt es? Oder wie gestalten wir es? Am Start des Neuen Jahres darüber nachzudenken, ist sicher eine richtige Strategie.

Viel Freude, Glück, Erfolg und Gottes reichen Segen im Neuem Jahr wünscht Ihnen
Josef Sowinski, Ihr Klinikseelsorger