Ein Kreislauf, der grösser ist als ein einzelner Tag

Die Tage werden kurz, das Licht kommt spät und geht früh. Nebel liegt über den Feldern, die Bäume stehen kahl. So kennen wir den November. Vieles, was im Sommer selbstverständlich war, ist nicht mehr.

Herbst Nebel über den Feldern


Und doch – ein Baum, der im Herbst seine Blätter fallen lässt, stirbt nicht. Er tut das Klügste, was er in dieser Zeit tun kann. Er lässt los, was ihn jetzt zu viel Kraft kosten würde. Er zieht sich zurück in den Stamm und in die Wurzeln. Von aussen sieht das nach Verlust aus. Von innen ist es Schutz.
An den Zweigen sitzen bereits die Knospen für das nächste Jahr. Klein, fest verschlossen und kaum sichtbar. Sie entstehen im Herbst, nicht erst im Frühling.
Auch der Boden ruht nicht einfach. Unter dem Laub arbeitet das Leben weiter. Kleine Wesen verwandeln das Gefallene in neue Erde. Nichts davon geschieht schnell und nichts spektakulär. Aber es trägt.
Vielleicht kennen Sie das gerade von sich selbst. Kräfte fehlen, die früher selbstverständlich waren. Pläne müssen warten. Der Tag ist kürzer als man möchte. Der November urteilt nicht darüber. Er zeigt nur, dass es Zeiten gibt, in denen Rückzug richtig ist und es genügt, da zu sein und auszuhalten. Auch das ist eine Leistung, auch wenn niemand applaudiert.
Der November hat seine eigene Schönheit. Ohne Laub sieht man plötzlich weiter: durch die Äste hindurch bis zum Himmel. Ein einzelnes rotes Blatt an einem nassen Ast leuchtet stärker als tausende im Oktober. Raureif zeichnet Gräser nach, die man sonst übersehen hätte.
Eine Zeit für kleine Dinge. Für eine warme Tasse Kaffee in den Händen. Für das Licht einer Kerze. Für ein Gespräch ohne Eile. Für einen Blick aus dem Fenster, ohne etwas zu erwarten.
Die Natur verspricht nicht, dass alles so bleibt wie es war. Aber sie zeigt, dass dunkle Wochen nicht die ganze Geschichte sind. Sie gehören zu einem Kreislauf, der grösser ist als ein einzelner Tag.
Vielleicht mögen Sie heute nach etwas Ausschau halten, das trotz allem da ist: ein Stück Himmel, ein Vogel auf dem Fensterbrett, ein Mensch, der an Sie denkt. 

Mirjam Walser
Pfarrerin und Klinikseelsorgerin 

Mirjam Walser
Mirjam Walser
Pfarrerin