Im hektischen Spitalalltag geht es oft um Diagnosen, Behandlungen und Abläufe. Doch manchmal braucht es einfach jemanden, der zuhört. Monika Frieden, reformierte Pfarrerin, und Ivan Machuzhak, katholischer Pfarrer, sind als Spitalseelsorgende für Patientinnen und Patienten, Angehörige – aber auch für euch als Mitarbeitende – da. Im Interview geben sie einen Einblick in ihre Arbeit an der Klinik Im Park – gerade auch in der Advents- und Weihnachtszeit.

Was genau macht die Seelsorge im Spital?

Monika: Ein Klinikaufenthalt kann belastende Fragen auslösen. Wir haben Zeit für das, was auf der Seele liegt. Ob am Bett, im Stationszimmer oder auf dem Flur: Wir hören zu und begegnen Menschen respektvoll, achtsam und offen. Unsere seelsorgerliche Schweigepflicht ist dabei selbstverständlich. 

Ivan: Ob akute Krise oder ein Gespräch über Lebensfragen, wir schaffen Raum für Freude, Angst, Trauer oder Hoffnung. Oft geht es dabei weniger um Antworten als einfach ums Dasein.

Wer kann sich an euch wenden?

Ivan: Jede und jeder im Spital – Patientinnen und Patienten, Angehörige, Ärztinnen und Ärzte und Mitarbeitende. 

Wo findet man euch in der Klinik Im Park – und gibt es dort Orte der Stille?

Ivan: Wir sind telefonisch oder über das Pflegepersonal erreichbar. Eigene Räume haben wir nicht. Umso wichtiger ist es, den «inneren Raum der Stille» in der Begegnung zu schaffen – am Bett, am Fenster oder beim Spaziergang im Park.

Was ist das Schönste und was das Schwierigste an eurer Arbeit?

Monika: Das Schönste sind Vertrauen und tiefe, ehrliche Begegnungen mit Menschen. 

Ivan: Das Schwierigste ist das Aushalten des Unabänderlichen – wenn wir nichts «lösen», sondern einfach nur da sein können. Aber genau darin liegt auch die Kraft der Seelsorge.

Gibt es Begegnungen, die euch besonders in Erinnerung geblieben sind?

Monika: Besonders prägen mich Begegnungen gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Klinik Im Park: Eine Hebamme, die um Unterstützung bittet bei der Begleitung einer Geburt und einer Totgeburt zur gleichen Zeit. Eine Kollegin, die fragt, wie man mit einem achtjährigen Kind über den Tod der Mutter spricht. Oder ein Gespräch übers Loslassen mit einem Angehörigen in tiefster Ohnmacht, gemeinsam mit der zuständigen Pflegefachkraft.

Wie geht ihr persönlich mit belastenden Situationen um

Monika: Intervision und Supervision helfen mir, Emotionen einzuordnen. Zudem finde ich Kraft in Wald, Natur und der Pflege meiner eigenen Spiritualität.

Ivan: Mir helfen der Austausch im Team, persönliche Rituale und Humor. Auch Bewegung und Freundschaften geben Halt.

Wie erlebt ihr die Weihnachtszeit im Spital?

Ivan: Die Kontraste sind gross. Draussen herrscht Festlichkeit, drinnen kämpfen Menschen mit Krankheit und Abschied. Und doch wird die Botschaft von Weihnachten hier besonders erfahrbar: kleine Gesten bekommen grosses Gewicht und bringen Licht in die Dunkelheit. Die biblische Weihnachtsgeschichte spielt sich ja auch nicht im Komfortablen ab, sondern in einem Stall, unter prekären Bedingungen. 

Monika: Menschen sind in dieser Zeit sehr offen und dankbar für Begegnung, Worte und Symbole wie beispielsweise eine Kerze, ein Lied oder eine gehaltene Hand. 

Gibt es besondere Angebote zur Advents- und Weihnachtszeit?

Monika: Tradition hat mittlerweile unsere Veranstaltung «Wort und Musik zum Advent», bei der wir die Menschen in der Klinik Im Park besuchen und mit kurzen Konzerten auf den Stationen erfreuen. Dabei werden die Zimmertüren geöffnet, damit auch bettlägerige Patientinnen und Patienten teilhaben können. Zudem können alle via QR-Code unsere «Gedanken zur Adventszeit» hören.

Ivan: Für Menschen ohne Familie oder mit weit entfernten Angehörigen kann Weihnachten im Spital besonders hart sein. Wir achten darauf, dass niemand allein bleibt.

Welche Rolle spielt Religion in eurer Arbeit?

Ivan: Religion ist meine Ressource, aber keine Vorbedingung für die Begegnung mit anderen Menschen. Ich bin für alle Menschen da – unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Zudem bin ich überzeugt, dass jeder Mensch eine Form von Spiritualität hat, die Halt geben kann – ob religiös gebunden oder nicht.

Monika: Ich verbinde die persönlichen Erlebnisse, von denen Menschen mir erzählen, mit Erfahrungen, die Menschen mit Gott seit Jahrtausenden machen. Gemeinsam mit meinem Gegenüber versuche ich auf diese Weise herausfordernde Lebenssituationen spirituell zu deuten. Dabei respektiere ich persönliche Überzeugungen und Werte.

Wie begegnet ihr Menschen anderer Religionen und Kulturen?

Ivan: Mit Respekt und Neugier. In der Klinik Im Park begegnen mir Menschen vieler Kulturen und Religionen. Die Unterschiede sind oft kleiner als die Gemeinsamkeiten. Schmerz und Trost sind universell. Wenn gewünscht, vermittle ich Kontakte zu Vertreterinnen und Vertretern anderer Traditionen. Ich empfinde den interreligiösen Dialog als eine Bereicherung.

Monika: Ich bin in einer kulturell und religiös vielfältigen Umgebung aufgewachsen. Austausch ist Teil meiner Grundhaltung.

Was bedeutet Spiritualität im Spital-Kontext?

Monika: Sie hilft Resilienz, innere Kraftquellen und Lebensfreude aufzudecken, was wichtig für die Heilung ist.

Ivan: Sie erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als sein Körper und seine Krankheit – er hat auch eine Seele. Spiritualität hilft, im gebrochenen Körper und unterbrochenen Lebensentwurf Sinn zu finden.

Wie arbeitet ihr mit Pflege, Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Berufsgruppen in der Klinik zusammen?

Ivan: Wir sind Teil des interdisziplinären Teams und ergänzen einander. Oft sprechen wir von der Seelsorge Themen an, für die im Alltag wenig Zeit bleibt – Ängste, Sorgen, spirituelle Bedürfnisse. Manchmal sind wir Übersetzer zwischen medizinischer Fachsprache und Lebenswirklichkeit. In Übergängen, etwa beim Abschiednehmen, schaffen wir Raum für Gefühle und Rituale. Wir begleiten Sterbende und Angehörige und entlasten das Team durch Präsenz und Gespräch.

Was hat euch zu diesem Beruf bewegt?

Ivan: Die Liebe zum Leben in all seinen Facetten, und das Bedürfnis, Menschen in schwierigen Momenten beizustehen. Ich wollte dort sein, wo Menschen an ihre Grenzen kommen, weil dort Wesentliches sichtbar wird. Es ist ein Beruf, der Herz und Tiefe verlangt – und schenkt.

Monika: Durch meinen früheren Beruf als Flugbegleiterin bin ich viel gereist und in andere Kulturen und Religionen eingetaucht. Dadurch habe ich gemerkt, was mir wichtig ist: Das Leben verständlich zu deuten und Menschen durch die Höhen und Tiefen des Lebens zu begleiten.

Wie tankt ihr selbst Kraft nach einem intensiven Tag?

Ivan: Durch Gebet, Meditation und bewusstes Schweigen. Aber auch durch Musik, Literatur und Spaziergänge mit meinem Hund Lucky.

Monika: Ich beobachte gerne Vögel im Flug oder gehe im Wald spazieren. Die Weite und Stille tun mir gut.

Gibt es etwas, das ihr den Mitarbeitenden zum Jahresende mit auf den Weg geben möchtet?

Ivan: Danke für eure tägliche Arbeit. Jeder kleine Akt der Fürsorge, jedes geduldige Wort macht einen Unterschied. Erinnert euch daran, warum ihr diesen Beruf gewählt habt – ihr seid nicht nur Funktionsträger, sondern Hüter der Menschenwürde in ihrer verwundbarsten Form. Seid nachsichtig mit euren eigenen Grenzen. Auch ihr braucht Fürsorge. Wir sind für euch da – immer.

Monika: Lasst uns im Gespräch miteinander bleiben, auch wenn der Alltag fordert. Lasst uns kleine Pausen bewusst gestalten und uns einander Wertschätzung schenken. Und bleibt gesund!

Seelsorge - Monika Frieden mit Musikerin
Seelsorge - Musik in der Klinik
Seelsorge - Tag der Kranken
Ivan Machuzhak
Monika Frieden - Klinikseelsorgerin