Das REA-Team – immer bereit, wenn jede Sekunde zählt
Wenn in der Klinik Im Park ein REA-Alarm ausgelöst wird, zählt jede Sekunde. Innerhalb kürzester Zeit muss ein Team aus verschiedenen Fachbereichen zusammenkommen und als Einheit funktionieren. Dafür braucht es neben medizinischem Fachwissen klare Abläufe, regelmässiges Training, gute Kommunikation – und Menschen, die auch unter Druck den Überblick behalten.
Philipp Zennegg arbeitet seit 2014 auf der Intensivstation der Klinik Im Park und leitet das REA-Schulungsteam. Im Interview erzählt er, was hinter der Einsatzbereitschaft steckt, wie sich die Reanimationsmedizin verändert hat und warum Herzblut, Teamgeist und Mut dazugehören.
Philipp, du bist seit 2014 an der Klinik Im Park. Wie bist du zum REA-Team gekommen?
Eigentlich eher durch Zufall. Zwei Jahre nach meinem Start wurde die Leitung frei und ich wurde gefragt, ob ich sie übernehmen möchte. Das passte gut: Ich hatte schon immer eine Affinität zur Pädagogik und deshalb bin ich auch mittlerweile in der Berufsbildung auf der Intensivstation tätig. Mich reizte zudem die Möglichkeit, selbst etwas aufzubauen und zu gestalten.
Wer gehört zum REA-Schulungsteam – und wer rückt bei einem Alarm aus?
Unser Schulungsteam besteht aus Mitarbeitenden aus Pflege und Medizin: Neben mir gehören Dr. med. Michèle Rohner (Fachärztin für Anästhesiologie) als ärztliche Leitung des REA-Weiterbildungsteams, ihre Stellvertretung Dr. med. Thomas Singer (Facharzt für Anästhesiologie) sowie unsere Instruktoren Rafaele Gabrielli (Teamleiter Intensivstation) und Martin Pacholski (Diplomierter Experte Anästhesiepflege) dazu. Demnächst kommt ein weiterer Instruktor hinzu. Alle bringen Erfahrung aus Anästhesie oder Intensivmedizin und entsprechende Zusatzqualifikationen – wie einen HF- und ggf. NDS-Abschluss sowie eine Instruktorenausbildung – mit.
Das Einsatzteam ist anders zusammengesetzt: Bei einem REA-Alarm rücken der*die diensthabende Anästhesieärzt*in sowie Fachpersonen aus Intensiv-, Notfall- und Anästhesiepflege aus. So steht rund um die Uhr ein qualifiziertes Team bereit.
Was passiert bei einem REA-Alarm?
Der Alarm geht direkt auf den Telefonen des diensthabenden Teams ein. Wird er über einen REA-Knopf ausgelöst, sieht das Team sofort, wo es gebraucht wird. Alternativ kann über die interne REA-Nummer alarmiert und der Einsatzort durchgegeben werden. Die Mitglieder machen sich mit REA-Rucksack und erweitertem Defibrillator auf den Weg und sind in der Regel innerhalb von ein bis zwei Minuten vor Ort.
Bis dahin beginnt die betroffene Abteilung bereits mit den lebensrettenden Sofortmassnahmen. Auf jeder Abteilung steht dafür ein Automatisierter Externer Defibrillator (AED) zur Verfügung.
Am Einsatzort sind die Rollen klar verteilt: In der Regel übernimmt der*die Anästhesieärzt*in die Leitung und koordiniert die Reanimation. Eine Fachperson aus der Intensiv- oder Notfallpflege kümmert sich um Medikamente und Zugänge während eine Fachperson aus der Anästhesiepflege das Anschliessen des erweiterten Defibrillators und das Monitoring übernimmt. Die Herzdruckmassage wird im Wechsel durchgeführt. Entscheidend ist, dass alle nicht nur die eigene Aufgabe, sondern auch die Rollen der anderen kennen und beherrschen.
Wie häufig kommt es tatsächlich zu einem REA-Alarm?
Der REA-Ruf wird ungefähr zehn- bis fünfzehnmal pro Jahr ausgelöst. Darunter sind etwa drei bis fünf tatsächliche Reanimationen. Reanimationen auf der Intensivstation sind dabei nicht mitgezählt, weil dort kein separater REA-Ruf notwendig ist.
Dass wir vergleichsweise wenige Reanimationen haben, ist natürlich positiv. Für das Training bedeutet es aber: Wir müssen umso häufiger üben. Was man im Alltag selten braucht, ist im Ernstfall nicht automatisch abrufbar.
Wie bereitet ihr die Mitarbeitenden auf den Ernstfall vor?
Wir bieten regelmässig Basic Life Support (BLS-AED) Kurse an, abgestimmt auf Mitarbeitende mit und ohne medizinische Vorkenntnisse. Für die Einsatzteams gibt es zusätzlich die jährliche REA-Woche mit Theorie und praktischem Training vom Basic bis zum Advanced Life Support.
Dazu kommen Simulationen in Bereichen wie Notfall, Intensivstation, Überwachungsstation oder Herzkatheterlabor sowie kurze Skill-Trainings direkt auf den Stationen. 2026 haben wir erstmals einen «REA Awareness Monat» mit Vorträgen, Skill-Trainings, Simulationen und Fallbesprechungen durchgeführt. Die Rückmeldungen waren sehr positiv, deshalb möchten wir dieses Format künftig jährlich anbieten.
Was hat sich beim REA-Alarm in unserer Klinik verändert? Was war früher anders.
Als ich an die Klinik kam, wurde ein REA-Alarm noch im ganzen Haus und auf zahlreichen Telefonen ausgelöst. Im schlimmsten Fall standen plötzlich 20 Personen am Einsatzort. Das klingt nach viel Unterstützung, kann die Abläufe aber erschweren.
Heute werden gezielt diejenigen Personen alarmiert, die tatsächlich von der Schichtleitung für den Einsatz vorgesehen sind. Andere Bereiche werden so informiert, dass sie bei Bedarf unterstützen können. Das zeigt, wie wichtig das gesamte System ist: Wer braucht wann welche Information – und wer wird am Einsatzort wirklich gebraucht?
Wie geht ihr mit Reanimationen um, die die Beteiligten auch emotional beschäftigen?
Debriefings sind für mich elementar. Idealerweise findet direkt nach einer Reanimation eine gemeinsame Besprechung statt – mit dem diensthabenden REA-Team und den Mitarbeitenden der betroffenen Station. Dabei geht es um fachliche Fragen, aber auch darum, das Erlebte einzuordnen und einen Abschluss zu finden.
Das gilt übrigens nicht nur, wenn eine Reanimation schlecht ausgegangen ist. Auch nach einem erfolgreichen Einsatz sollte man besprechen, was gut funktioniert hat. Die Beteiligten sollen wissen: Das habt ihr richtig gemacht, genau so solltet ihr es wieder machen.
Was gehört zu deiner Arbeit, das im Klinikalltag kaum sichtbar ist?
Für die REA-Weiterbildung stehen mir 20 Prozent meiner Arbeitszeit zur Verfügung. Neben Kursen und Simulationen gehören dazu die Instruktorenplanung, die Weiterentwicklung des REA-Konzepts und viele praktische Aufgaben: REA-Koffer müssen einheitlich bestückt, AED-Standorte kontrolliert, Übungsmaterial gewartet und REA-Rufanlagen regelmässig getestet werden.
Nach Reanimationen führen wir zudem Debriefings durch. Dabei geht es nicht darum, einzelne Personen zu beurteilen. Wir fragen vielmehr: Gibt es ein Problem im System? Müssen wir Abläufe verändern? Besteht Schulungsbedarf? Dafür ist die Zusammenarbeit mit Anästhesie, Intensivstation, Notfall, Fachabteilungen, Technik und Management entscheidend.
Was hat sich in der Reanimationsmedizin während deiner Berufslaufbahn am stärksten verändert?
Früher lag der Fokus stark auf Fachwissen, Algorithmen und technischen Fertigkeiten. Heute wissen wir, dass eine erfolgreiche Reanimation und am Ende jede Notfallsituation von viel mehr abhängt. Human Factors und das Crisis Resource Management (CRM) spielen deshalb eine wesentlich grössere Rolle als früher: Wie kommunizieren wir unter Stress? Wie verteilen wir Aufgaben? Wie treffen wir Entscheidungen? Und wie spielen Menschen, Technik, Prozesse und Umgebung zusammen?
Ein wichtiges Prinzip ist «Speak up»: Auch wenn es einen klaren Leader gibt, denken alle mit und sprechen Beobachtungen an. So vermeiden wir den Tunnelblick. Wir trainieren zudem «10 für 10»-Situationen: Das Team nimmt sich bewusst etwa zehn Sekunden Zeit, um sich neu zu orientieren und die nächsten Schritte festzulegen. Diese wenigen Sekunden können verhindern, dass in einer Stresssituation jeder in eine andere Richtung arbeitet.
Auch die Technik hat sich weiterentwickelt. Moderne AEDs analysieren beispielsweise selbstständig den Herzrhythmus und geben vor, ob ein Schock erforderlich ist, korrigieren, ob man die richtige Tiefe bei der Herzdruckmassage erreicht, etc. Trotzdem bleiben die Grundlagen entscheidend: eine schnelle Alarmierung, eine gute Herzdruckmassage und schnelles Defibrillieren.
Warum sind Simulationen dabei so wichtig?
Weil wir damit nicht nur einzelne Fertigkeiten, sondern das Zusammenspiel des gesamten Systems trainieren können. Besonders wertvoll sind In-situ-Simulationen direkt im tatsächlichen Arbeitsumfeld. Dort trainieren die Mitarbeitenden mit den Geräten, Räumen und Wegen, die sie auch im Ernstfall vorfinden.
So entdecken wir Dinge, die in einem Schulungsraum kaum auffallen würden: Steht ein Gerät am richtigen Ort? Sind die Wege praktikabel? Funktioniert die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen? Passt der Prozess zur Realität? Wenn etwas nicht funktioniert, fragen wir deshalb nicht, wer einen Fehler gemacht hat, sondern betrachten das gesamte System, das zu Fehlern führt. Nur das verbessert letztlich die Patientensicherheit.
Die Klinik Im Park feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Wie blickst du auf ihre Entwicklung?
Die Klinik Im Park hat sich stark entwickelt. Ich finde bemerkenswert, was eine vergleichsweise kleine Klinik fachlich alles anbieten kann. Gleichzeitig ist trotz Wachstum und Veränderungen viel vom familiären Charakter erhalten geblieben: Man kennt sich und unterstützt sich gegenseitig.
Auch das Thema Reanimation hat heute ein anderes Standing. Weiterbildung findet nicht mehr nur statt, «wenn gerade Zeit ist». Mit Unterstützung vieler Beteiligter und des Managements konnten wir Strukturen schaffen und das Bewusstsein stärken, dass regelmässiges Training ein wichtiger Teil der Patientensicherheit ist.
Zum Schluss: Was motiviert dich, worauf bist du stolz und was wünschst du dir für die Zukunft?
Mich motiviert vor allem die Interaktion mit den Teilnehmenden und meinem Team. Kein Kurs ist gleich, und gerade aus unterschiedlichen Perspektiven entstehen immer wieder neue Fragen und Ideen. Genauso in der Zusammenarbeit mit Dr. med. Michèle Rohner, der ärztlichen Leitung in meinem Team entstehen viele neue Ideen, die die Reanimation in der Klinik vorantreiben.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass gemeinsame Trainings und Simulationen ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Klinikkultur werden. Im Ernstfall treffen Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen aufeinander und müssen innerhalb von Sekunden als Team funktionieren. Wer sich bereits aus gemeinsamen Trainings kennt, versteht die Arbeit der anderen besser und kann professioneller zusammenarbeiten. So entsteht nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch mehr Teamgeist und eine offenere Lernkultur.
Ich bin stolz darauf, was unser kleines REA-Team bewegen konnte. Wir haben die REA-Weiterbildung praxisnäher und sichtbarer gemacht, neue Trainingsformate entwickelt und Simulationen stärker in den Klinikalltag integriert. Wenn ich unser REA-Team in drei Worten beschreiben müsste, wären es Herzblut, Teamgeist und Mut: Herzblut, weil wir für eine gute REA-Weiterbildung brennen. Teamgeist, weil gute Reanimation nur gemeinsam funktioniert. Und Mut, weil wir Neues ausprobieren, Routinen hinterfragen und aus Fehlern lernen.
(von links: Rafaele Gabrielli, Dr. med. Michèle Rohner, Philipp Zennegg, Martin Pacholski)