Endometriose ist eine komplexe und oft unterschätzte Erkrankung, die weit mehr Schmerzen und Beschwerden verursacht, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Viele Frauen leiden jahrelang an Symptomen, während Untersuchungen keine klaren Befunde liefern. Die Einordnung durch Dr. med. Ivo Fähnle und Dr. med. Stephanie Verta, beides Fachärzt*innen für Gynäkologie und Geburtshilfe in der Gruppenpraxis GynaeXcellence und Partnerärzt*innen im Salem-Spital, zeigt auf, warum der Schmerz echt ist, auch wenn Bildgebungen und Operationen «nichts zeigen». Im Gespräch erläutern sie, wie moderne Diagnostik und individuelle Therapien Betroffenen nachhaltig helfen können.
Herr Fähnle und Frau Verta, was möchten Sie von Endometriose betroffenen Frauen unbedingt mitteilen?
Ivo Fähnle: Vielleicht kennen Sie das: Sie leiden seit Jahren unter Schmerzen, die Sie in Ihrer Lebensqualität massiv beeinträchtigen, sodass Sie Ihre Arbeit und Ihr Privatleben danach richten müssen. Oft wird Ihnen gesagt, das sei einfach «Teil des Frauseins». Oder noch belastender: Sie hatten bereits eine Bauchspiegelung, bei der nichts Auffälliges gefunden wurde, und fragen sich nun, ob Sie sich alles nur einbilden, ob Sie Ihrem Körpergefühl wirklich noch vertrauen können.
Stephanie Verta: Wir möchten Ihnen heute sagen: Ihr Schmerz ist real. Und wir möchten Ihnen erklären, warum Endometriose weit mehr ist als nur versprengte Schleimhautherde. Endometriose ist eine Spektrum-Erkrankung und deshalb so schwierig zu diagnostizieren.
Sie haben es schon angetönt. Was genau macht Endometriose aus?
Stephanie Verta: In unserem Zentrum verstehen wir Endometriose wie gesagt als eine Spektrum-Erkrankung. Das heisst: Die Krankheit zeigt sich in unglaublich vielen Facetten, sowohl hinsichtlich der Symptome als auch der Erscheinungsformen und Ausprägung im Bauchraum. Es gibt nicht die eine Endometriose.
Ivo Fähnle: In gewissen Fällen kann Endometriose relativ einfach und eindeutig im Ultraschall erkannt werden. Bei den allermeisten Frauen allerdings ist Endometriose nicht auf den ersten Blick sichtbar. Das ist mitunter einer der Gründe, weshalb viele Frauen jahrelang leiden, ohne eine Diagnose zu erhalten.
Was genau ist denn das Problem mit der Sichtbarkeit?
Ivo Fähnle: Um dies zu beantworten, muss man die verschiedenen Erscheinungsformen der Endometriose kennen. Gut erkennbar sind meist die sog. Adenomyose (Endometrioseherde in der Gebärmuttermuskulatur) und Endometriose-Zysten am Eierstock.
Stephanie Verta: Schwer fassbar sind hingegen die klassischen Endometrioseherde auf dem Bauchfell. Sie sind im Ultraschall meist kaum darstellbar und werden daher leicht übersehen. Aber mit geübtem Auge, wenn man weiss, wonach man suchen muss und mit dem Erfahrungsschatz der Korrelation zwischen Ultraschall und Operation, können oft sogar kleine Bauchfellherde erkannt werden. Es braucht dafür kein spezielles Ultraschallgerät, nur die Vorstellung vom dem was erkannt werden kann.
Wichtig ist an dieser Stelle nochmals zu betonen, dass selbst bei unauffälligen Befunden im Ultraschall und MRI, es keinesfalls bedeutet, dass keine Endometriose vorliegt.
Ivo Fähnle: Die schmerzhafte Funktionsstörung ist auf der Bildgebung nicht sichtbar. Ein zentraler Punkt, der erklärt, warum viele Frauen nicht ernstgenommen werden: Schmerzen können auch ohne sichtbare Herde auftreten. Die Gebärmutter ist ein Muskel, der bei Endometriose oft fehlerhaft funktioniert. Er verkrampft sich mit hohem Druck und in zu schneller Frequenz (eine sogenannte Hyperperistaltik). Diese anhaltenden Krämpfe verhindern eine ausreichende Durchblutung und verursachen starke Schmerzen. Diese Funktionsstörung ist weder im Ultraschall noch bei einer Bauchspiegelung sichtbar. Organisch erscheint alles gesund, obwohl die Funktion massiv beeinträchtigt ist. Deshalb werden viele betroffene Frauen mit Aussagen konfrontiert wie «Alles ist in Ordnung», obwohl sie massive Schmerzen haben.
Welche Körperregionen sind von Endometriose betroffen?
Stephanie Verta: Endometriose betrifft mehr als nur den Unterleib. Sie wirkt sich häufig auf den ganzen Menschen aus. Patientinnen berichten oft von Symptomen, die auf den ersten Blick nichts mit einer gynäkologischen Erkrankung zu tun haben. Symptome, wie Übelkeit, kalter Schweiss oder Kreislaufprobleme während der Menstruation sind körperliche Reaktionen, welche, unter anderem über das vegetative Nervensystem getriggert werden.
Auch eine chronische Erschöpfung (Fatigue) kann Teil des Symptomkomplexes einer Endometriose sein.
Ivo Fähnle: Symptome können auch an Blase und Darm auftreten und Durchfall, Blähungen oder Schmerzen beim Wasserlassen hervorrufen. Das tritt sogar relativ häufig auf, weil sich die Entzündung im Becken auf die Nachbarorgane auswirkt oder dahin ausstrahlt.
Wie diagnostizieren Sie die Krankheit?
Ivo Fähnle: Da die Krankheit so unterschiedlich ausgeprägt ist, beginnt bei uns die Diagnose nicht mit technischen Geräten, sondern mit dem Zuhören. Die Geschichte und die Schmerzbeschreibungen unserer Patientinnen sind der Schlüssel zur richtigen Diagnose.
Stephanie Verta: Bei der klinischen Untersuchung verwenden wir den transvaginalen Ultraschall, mit dem wir in den meisten Fällen mehr erkennen können als mit einem MRI. Wir prüfen die Beweglichkeit der Organe und lokalisieren den Schmerz genau bzw. korrelieren die Befunde im Ultraschall mit der Symptomatik der Patientin. Für bestimmte Fragestellungen, wie Befall von Zwerchfell oder der Sakralnervenwurzeln hat ein MRI aber durchaus seinen Stellenwert.
Welche Therapie empfehlen Sie als Spezialist*innen für Endometriose den Betroffenen?
Ivo Fähnle: Es gibt nicht die eine Pille oder die eine Operation, die für alle Patientinnen funktioniert. Gemeinsam mit unseren Patientinnen entwickeln wir daher einen Therapieplan, der zu ihren Bedürfnissen und ihrer Lebenssituation passt, individuell und ganzheitlich. Manchmal sind unterwegs auch Anpassungen am ursprünglichen Therapieplan nötig, aber wir versuchen dranzubleiben, auch in den schwierigen Fällen. Wichtig ist, nicht aufzugeben!
Stephanie Verta: Häufig ist einer der ersten Therapieansätze die hormonelle Unterdrückung des Menstruationszyklus. Gestagene (Gelbkörperhormone) können helfen, das Wachstum der Endometrioseherde zu hemmen, die Entzündung zu beruhigen und die schmerzhaften Gebärmutterkrämpfe zu lindern. Dabei achten wir sorgfältig auf mögliche Nebenwirkungen. Bei operativen Eingriffen sind wir sehr zurückhaltend. Falls eine Operation nötig bzw. sinnvoll ist, setzen wir modernste Techniken wie den DaVinci-Roboter ein. Vor allem bei komplexen Verwachsungen im Becken ermöglicht diese Methode eine präzise und schonende Entfernung von Herden – ohne Nerven zu schädigen. Es ist aber wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, dass es im Falle einer Endometriose-Diagnose nicht immer eine Operation braucht. Wenn es ohne Operation geht, ist das die bevorzugte Behandlung.
Ivo Fähnle: Unsere therapeutischen Ansätze gehen aber weit über die klassischen schulmedizinischen Massnahmen hinaus. Mit Angeboten wie Magnesium-Infusionstherapien, Ultraschall-gesteuerten interventionellen Schmerztherapien, peripherer Tibialisnervenstimulation (PTNS) und Botox-Anwendungen versuchen wir auch in komplexeren Fällen einen therapeutischen Ansatzpunkt bieten zu können. Und in der Endometrioseberatung begleiten wir Patientinnen rund ums Thema Darmgesundheit und Ernährung, Mikronährstoffe und Supplemente, sowie pflanzliche Arzneimittel und sekundäre Pflanzenstoffe. Wir möchten dieser vielschichtigen Erkrankung auf möglichst vielen Ebenen entgegentreten können.
Inwiefern beeinträchtigt Endometriose eine Schwangerschaft?
Stephanie Verta: Viele fragen uns: Kann ich trotz Endometriose schwanger werden? Unsere klare Antwort: Lassen Sie sich nicht entmutigen. Endometriose bedeutet nicht zwangsläufig Unfruchtbarkeit. Der negative Effekt auf die Fruchtbarkeit wird oft überschätzt. Zahlreiche Frauen werden auf natürlichem Wege schwanger.
Ivo Fähnle: Sollte eine Schwangerschaft nicht wie gewünscht eintreten, arbeiten wir eng mit erfahrenen Spezialist*innen der Reproduktionsmedizin zusammen, um unsere Patientinnen bestmöglich zu begleiten. Wichtig ist uns besonders: Keine voreilige Operation. Gerade bei ausgedehnten Endometriosebefunden oder Endometriosezysten an den Eierstöcken (Endometriomen) ist eine vorsichtige Abwägung zentral. Eine unbedachte Entfernung von Zysten kann die Eizellreserve reduzieren und damit die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Jeder Eingriff wird bei uns mit grosser Sorgfalt geplant, damit dadurch möglichst nicht die Chancen auf ein Kind verringert werden.
Ihr Schlusswort?
Stephanie Verta und Ivo Fähnle:
Endometriose ist chronisch. Das heisst jedoch nicht, dass Sie machtlos sind. Unser Ziel ist es, Ihnen dabei zu helfen die Symptome aktiv zu kontrollieren und die Lebensqualität zu erhöhen, für ein Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen.
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speziell: Operative Gynäkologie und Geburtshilfe
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