Corinne Suter stürzte Anfang Dezember 2025 bei einem Abfahrtstraining in St. Moritz und erlitt einen Muskelfaserriss im linken Unterschenkel, eine Prellung des linken Kniegelenks und eine Fraktur im rechten Hinterfussbereich. Eine Operation war zum Glück nicht nötig, aber sie musste mitten in der Saison vier Wochen pausieren. Trotz dieser Zwangspause gilt die Abfahrts-Olympiasiegerin von 2022 weiterhin als Medaillenhoffnung für die Olympischen Spiele 2026 in Cortina d’Ampezzo – obwohl die Vorbereitung darauf durch die Verletzung deutlich erschwert ist und viel vom Heilungsverlauf und Trainingsaufbau in den Wochen vor den Spielen abhängt. Im Interview spricht Corinne Suter über ihren Sturz und die Zeit danach.
Corinne, was ging dir direkt nach dem Sturz durch den Kopf – noch bevor klar war, wie schwer die Verletzungen sind?
Zuerst war es ein richtiger Schockmoment. Der Airbag ging auf, und ich bekam kaum Luft. In diesem Augenblick konnte ich an nichts anderes denken, als ruhig zu bleiben und mich ganz auf das Atmen zu konzentrieren. Alles andere war für ein paar Sekunden völlig ausgeblendet. Gleichzeitig schoss mir durch den Kopf, wie schnell so ein Moment alles verändern kann. Es ist eigenartig, wie gleichzeitig Panik und eine merkwürdige Ruhe nebeneinander existieren können.
Kurz danach wurdest du in der Klinik Hirslanden umfassend untersucht. Wie hast du diese erste medizinische Abklärung erlebt und wie wichtig war es für dich, schnell Gewissheit über deinen körperlichen Zustand zu bekommen?
Die Untersuchungen haben mir sehr viel Sicherheit gegeben. Für mich ist es extrem wichtig zu wissen, was genau los ist und womit ich es zu tun habe. Diese Klarheit hat mir geholfen, die Situation anzunehmen und nicht ständig im Ungewissen zu bleiben oder mir Schlimmeres auszumalen. Allein das Wissen, dass nichts operiert werden musste, hat mir sofort einen grossen Teil der Anspannung genommen.
Die Diagnose bedeutete erst einmal Pause statt Piste. Was war emotional schwieriger für dich: der körperliche Schmerz oder das Wissen, dass du stoppen musst?
Natürlich war der Schmerz da, und er war auch nicht zu unterschätzen. Aber nach diesem Sturz war ich vor allem sehr erleichtert, dass ich vergleichsweise «glimpflich» davongekommen bin. Diese Erleichterung hat vieles überlagert und mir geholfen, die Zwangspause besser zu akzeptieren. Emotional war es eine Mischung aus Frustration, Ungeduld und Dankbarkeit – man will sofort wieder loslegen, aber gleichzeitig weiss man, dass der Körper Zeit braucht, um zu heilen.
Als Profisportlerin hörst du sehr genau auf deinen Körper. Wie fühlt es sich an, wenn genau dieser Körper plötzlich klare Grenzen setzt?
Das ist ungewohnt und fordert einen heraus. Man ist es gewohnt, den Körper zu pushen und ständig an die eigenen Grenzen zu gehen. Wenn er dann plötzlich klare Grenzen setzt, muss man lernen, noch genauer hinzuhören und diese Signale ernst zu nehmen – auch wenn es nicht immer leichtfällt. Es ist eine ganz neue Art von Disziplin, die über Training hinausgeht: Geduld haben, sich selbst nicht zu überfordern und den Heilungsprozess zu respektieren.
In der aktuellen Phase steht Regeneration im Mittelpunkt. Was hilft dir momentan am meisten, um körperlich und mental wieder Vertrauen aufzubauen?
Mir helfen vor allem feste Routinen im Alltag, kleine, realistische Etappenziele und das Vertrauen in die Menschen, die mich begleiten. Zu wissen, dass ich ein starkes Umfeld habe, gibt mir Ruhe und Stabilität – sowohl körperlich als auch mental. Ausserdem hilft es, bewusst auf kleine Fortschritte zu achten, jeden Erfolg zu feiern, egal wie klein er scheint, und mir bewusst Zeit für Regeneration zu nehmen, statt alles sofort wieder zu erzwingen.
Viele Menschen kennen Verletzungen oder Rückschläge aus ihrem Alltag oder Sport. Was hat dir persönlich geholfen, den Fokus von Frust auf Fortschritt zu verschieben?
Mir hat geholfen, die kleinen Fortschritte bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Statt mich ständig damit zu beschäftigen, was gerade nicht möglich ist, versuche ich den Blick auf das zu richten, was Schritt für Schritt wieder besser wird. Auch das Aufschreiben kleiner Ziele oder das Reflektieren von Erfolgen hat mir geholfen, positiv zu bleiben und nicht in Frust zu versinken. Es ist erstaunlich, wie viel Motivation schon aus kleinen Erfolgen entsteht.
Ohne Rennen, ohne Wettkampf-Adrenalin verändert sich der Alltag stark. Was nimmst du aus dieser ruhigeren Phase mit, was du sonst vielleicht übersehen hättest?
Ich nehme vor allem mehr Ruhe und Dankbarkeit mit. Gleichzeitig habe ich die Zeit genutzt, um über alles nachzudenken und mir klarzumachen, was mir wirklich wichtig ist. Das sind Dinge, für die im normalen Wettkampfmodus oft kaum Platz ist, die aber unglaublich wertvoll sind und mir auch langfristig guttun.
Wenn du heute auf den Weg zurückblickst, nicht auf das Comeback selbst, sondern auf den Prozess. Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade gezwungen sind, einen Gang zurückzuschalten?
Dieser Prozess hat mir gezeigt, wie wichtig Geduld, Vertrauen und Zuversicht sind. Unabhängig davon, wie ein Comeback aussieht oder wann es stattfindet, sind das Werte, die einem helfen, schwierige Phasen zu überstehen und gestärkt daraus hervorzugehen. Ich würde jeder und jedem raten, kleine Fortschritte zu feiern, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen und die Zeit zu nutzen, um sowohl körperlich als auch mental zu wachsen. Rückschläge sind nie einfach, aber sie können unglaublich lehrreich sein, wenn man sie bewusst annimmt.