Medizin

Darmkrebs ist heilbar, wenn er früh erkannt wird – doch bei 5–10% der Fälle steckt eine genetische Veranlagung dahinter. Wann deutet Familiengeschichte auf erbliches Risiko hin? Welche Tests helfen, es früh zu erkennen? Und wie schützt man sich durch personalisierte Vorsorge? Im Interview erklärt Prof. Dr. phil. nat. Sabina Gallati, Expertin für Humangenetik und genomische Medizin, die Rolle der Gene, Warnsignale und praktische Tipps für Betroffene und ihre Angehörigen. Von Koloskopie bis Therapie-Revolution: Alles, was Sie wissen müssen.

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Frau Professor Gallati, welche Rolle spielen Gene bei der Entstehung von Darmkrebs, und wann sollte man an eine genetische Veranlagung denken?

Krebserkrankungen entstehen grundsätzlich immer durch Veränderungen im Erbgut – also durch Gene, die nicht mehr richtig funktionieren. Das bedeutet aber nicht, dass Krebs immer vererbt ist. In 90–95% der Fälle entstehen diese Veränderungen im Erbgut im Laufe des Lebens in einzelnen Körperzellen und werden nicht weitergegeben.

Doch bei etwa 5-10% der Darmkrebserkrankungen liegt eine vererbbare genetische Veranlagung vor. An eine solche sollte man vor allem denken, wenn mehrere Familienmitglieder betroffen sind und/oder wenn die Erkrankung in jungen Jahren auftritt.

Was sind die Ursachen, wenn die Darmkrebserkrankung nicht genetisch bedingt ist?

In den meisten Fällen entwickelt sich Darmkrebs im Laufe des Lebens durch innere und äussere Einflüsse. Dazu gehören unter anderem Lebensstil, Ernährung, Rauchen und exzessiver Alkohol- oder Drogenkonsum. Auch Umweltfaktoren wie Strahlung, bestimmte Chemikalien und Pestizide oder chronische Entzündungen sowie gewisse virale Erkrankungen wie Hepatitis oder Aids können eine Rolle spielen und Genmutationen verursachen.

Krebs entsteht nicht durch eine einzelne Veränderung im Erbgut, sondern erst dann, wenn sich mehrere genetische Schäden in einer Zelle ansammeln. Wenn wichtige Regulationsmechanismen der Zelle nicht mehr funktionieren, kann es zu unkontrollierter Zellteilung kommen – und damit zur Tumorbildung.

Welche Möglichkeiten bieten genetische Analysen heute, um ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs frühzeitig zu erkennen?

Genetische Analysen helfen heute, ein erblich erhöhtes Darmkrebsrisiko frühzeitig zu erkennen. Man unterscheidet dabei zwei Ansätze: Bei der Analyse von Tumorgewebe untersucht man das Erbgut der Krebszellen, um den genauen Tumortyp zu bestimmen und die bestmögliche Behandlung zu planen.

Die sogenannte Keimbahnanalyse prüft das Erbgut aus gesunden Zellen, etwa aus einer Blutprobe, und zeigt, ob eine vererbbare Genveränderung vorliegt, die das Darmkrebsrisiko dauerhaft erhöht. Besonders wichtig sind dabei zwei erbliche Formen: die familiäre adenomatöse Polyposis, bei der sehr viele Polypen im Darm entstehen, und das Lynch-Syndrom, das mit einem deutlich erhöhten Risiko für Darmkrebs und andere Krebsarten verbunden ist.

Welche Warnsignale in der Familiengeschichte sollten Anlass sein, eine genetische Abklärung in Betracht zu ziehen?

Wichtige Hinweise sind Krebsfälle in der Familie, besonders über mehrere Generationen hinweg. Auch wenn Erkrankungen in ungewöhnlich jungen Jahren auftreten, sollte man aufmerksam werden.

Neben Darmkrebs können auch andere Krebsarten Hinweise geben, etwa Magenkrebs, spezifische Hirntumore oder beim Lynch-Syndrom das Endometriumkarzinom, ein bösartiger Tumor der Gebärmutterschleimhaut. Entscheidend ist also das Gesamtbild in der Familie.

Viele Menschen wissen aber nicht, ob Darmkrebs in ihrer Familie vorkommt. Was können sie tun?  

Wenn keine Familienangehörigen mit gastrointestinalen Krebserkrankungen oder Darmpolypen bekannt sind, gilt: Für Menschen ohne Hinweise auf ein erhöhtes Risiko wird die Darmkrebsvorsorge in Form einer Koloskopie (Darmspiegelung) in der Schweiz ab 50 Jahren empfohlen.

Was bedeutet eine genetische Veranlagung konkret für die Vorsorge und für Angehörige?

Wird eine genetische Veranlagung für Darmkrebs festgestellt, ist der wichtigste Schritt zunächst eine genaue gastroenterologische Standortbestimmung. Dazu gehören in der Regel eine Koloskopie und je nach Situation weitere Untersuchungen, etwa des Magens. Auf dieser Basis legt die Fachärztin oder der Facharzt fest, in welchen Abständen Kontrollen sinnvoll sind und mit welchen Methoden sie durchgeführt werden. Entscheidend ist eine engmaschige, langfristige Begleitung, damit mögliche Veränderungen im Darm oder in anderen vom erhöhten Risiko betroffenen Organen früh entdeckt werden.

Für Angehörige ist eine solche Diagnose ebenfalls bedeutsam. Sie haben möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko und können sich – wenn sie das möchten – genetisch testen lassen. Wichtig und gesetzlich festgelegt ist dabei: Jede Person hat das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie diese Information wissen möchte oder nicht.

Wenn bereits eine Krebserkrankung vorliegt, helfen genetische Befunde zusätzlich, die Prognose besser einzuschätzen und das Risiko für weitere betroffene Organe zu erkennen. Gleichzeitig ermöglichen sie zunehmend spezifische Therapien, die gezielt an den gefundenen Genveränderungen ansetzen. Hierzu macht die Forschung enorme Fortschritte.

Wie kann personalisierte Medizin, also auf genetischen Informationen basierende Diagnostik, die Vorsorge bei Darmkrebs künftig verändern?

Die personalisierte Medizin entwickelt sich rasant. Ziel ist es, genetische Veränderungen immer genauer zu verstehen, möglichst präzise Diagnosen zu stellen und darauf abgestimmte Therapien und Vorsorgestrategien zu entwickeln.

Je nach Art der Mutation kann man künftig noch gezielter behandeln – etwa indem man bestimmte Genfunktionen hemmt oder verstärkt. In einigen Fällen gibt es bereits heute Therapien, die ganz spezifisch auf bestimmte Mutationen ausgerichtet sind.

Was würden Sie Menschen empfehlen, die ihr persönliches Darmkrebsrisiko aktiv senken möchten?

Ein wichtiger erster Schritt ist, die eigene Familiengeschichte zu kennen. Offen über Erkrankungen zu sprechen und dieses Tabu zu brechen, hilft, Risiken besser einzuschätzen.

Daneben spielt der Lebensstil eine grosse Rolle: Eine ausgewogene Ernährung, wenig Alkohol, nicht rauchen und ausreichend Bewegung können das Risiko deutlich senken. Auch chronische Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn können Risikofaktoren darstellen.

Und ganz wichtig: Bei anhaltenden Bauch- oder Magenbeschwerden sollte man frühzeitig ärztlichen Rat einholen – lieber einmal zu früh als zu spät.

Was raten Sie jemandem, der Angst vor einer genetischen Untersuchung hat?

Ich würde empfehlen, eine genetische Beratung in Anspruch zu nehmen. Diese dient dazu, in Ruhe über Chancen und mögliche Belastungen zu sprechen. Niemand muss sich testen lassen, der dies nicht mit Überzeugung wünscht.

Der grösste Vorteil einer genetischen Testung ist mehr Gewissheit. Gleichzeitig kann das Wissen für manche Menschen auch belastend sein. Deshalb gilt: Jede Person entscheidet selbst, ob sie eine genetische Untersuchung durchführen lassen möchte – und auch, ob sie das Ergebnis überhaupt wissen will.