Patientenzeitschrift "Am Puls der Medizin"

Die HIV-Infektion ist bis heute keine Erkrankung wie jede andere, ihr haftet seit jeher ein Stigma an. Trotz der immensen Fortschritte in Diagnostik und Therapie, die sie zu einer der echten Erfolgsgeschichten der Medizin macht, hat sich das Bild dieser Erkrankung in den Köpfen der Menschen bisher kaum verändert.

Das historische Bild des typischen HIV-Patienten aus den 80er und 90er Jahren ist hinlänglich bekannt: ausgemergelte, von der Krankheit gezeichnete Gestalten; Randständige, «Drögeler», Prostituierte, Schwule. Die meisten Patientinnen und Patienten, die sich heute in der Sprechstunde vorstellen, haben mit diesem Bild nichts mehr gemeinsam. In die HIV-Sprechstunde kommt heute der erfolgreiche Bankier, in Anzug und Krawatte, eilig zwischen zwei Terminen, nach ihm ist es die junge Mutter, die ihren Kinderwagen ins Sprechzimmer schiebt. Dann der Jura-Student im letzten Semester, nach ihm die ältere Dame, die ihren Enkel mitbringt. Schliesslich doch noch einer, der ins Klischee passt: Herr N., ein ehemaliger Drogenkonsument, heute im Methadonprogramm. Der «typische» HIV-Patient ist also einer von vielen – trotzdem haben alle eines gemeinsam: Keiner von ihnen redet über seine Erkrankung, keiner hat der Kollegenschaft oder Bekannten erzählt, warum er heute zum Arzt geht.

FRÜHE FORSCHUNGSERFOLGE

Allgemein bekannt ist, dass die HIV-Infektion durch das Human Immunodefi ciency Virus verursacht wird, dass die Ansteckung mit dem Virus über ungeschütz ten Geschlechtsverkehr und getauschte Spritzen erfolgt und dass die unbehandelte Infektion zu AIDS (Acquiered Immunodefi ciency Syndrome, erworbenes Immunschwächesyndrom) und letztendlich zum Tod führt. Weniger bekannt ist, dass sich seit den Jahren, in denen eine HIVInfektion einem Todesurteil gleich kam, sehr viel getan hat: Nach - dem das Virus in den 80er Jahren identifi ziert wurde, entwickelte man in den 90er Jahren die ersten, noch ungenügend wirkenden Therapien. Die ersten wirksamen Therapien kamen ab 1996 auf den Markt; nach 2002 gab es einen weiteren Durchbruch mit neueren, noch wirksameren und v.a. besser verträglichen Medikamenten. Es handelt sich um Substanzen, die das Virus an drei verschiedenen Stellen (deshalb Tri-Therapie) blockieren, sodass es sich nicht mehr vermehren kann. Es ist «unterdrückt » und die Person ist nicht mehr ansteckend. Aber es schlummert weiterhin in versteckten Reservoirs im Körper und kann, sobald die Therapie unterbrochen wird, wieder aktiv werden. Eine vollständige Eliminierung des Virus – eine Heilung – ist daher Forschenden bis heute (noch) nicht möglich. Weltweit ist es zu verdanken, dass die Therapien sich immer weiter vereinfacht haben: In vielen Fällen besteht die Therapie heute nur noch aus einer Tablette täglich, im Gegensatz zu früher, als es eine Handvoll Tabletten war.

DIE WELT – DIE SCHWEIZ

Die Therapie der HIV-Infektion ist also eine Erfolgsgeschichte der Medizin; aus einer tödlichen Infektion ist eine chronische, gut kontrollierbare Erkrankung geworden. Ein HIV-positiver Mensch hat heute, sofern er Zugang zur Therapie hat und diese zuverlässig einnimmt, die gleiche Lebensqualität und erwartung wie eine HIV-negative Person. Dass es weltweit grosse Unterschiede in der Verfügbarkeit der Medikamente gibt, d.h. dass von weltweit 37,9 Millionen Menschen mit HIV nur 23,3 Millionen Zugang zur antiretroviralen Therapie haben (Stand 2018), ist ein politisches Problem, kein medizinisches. Im Jahr 2018 wurden in der Schweiz 425 neue HIV-Diagnosen gestellt, bei Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und Nationalitäten. Damit leben in der Schweiz rund 17 000 Menschen mit HIV. Die meisten haben aber eines gemeinsam: Sie arbeiten, leben in Partnerschaften, bekommen Kinder und werden alt. Wenn sie ihre Therapie zuverlässig einnehmen, dann können sie all dies tun, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. In einer stabilen Partnerschaft kann, bei erfolgreicher Therapie, ungeschützter Geschlechtsverkehr erfolgen und Kinder können auf natürlichem Wege gezeugt werden, ohne dass es zu einer Ansteckung kommt.

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Ein HIV-positiver Mensch hat dank moderner Therapien die gleiche Lebensqualität wie HIV-negative Personen.

ZUM BEISPIEL LEA

Lea* ist eine aufgeweckte 11-Jährige, sie geht in die 6. Klasse und will Lehrerin werden. Bei ihrer Geburt kam es zur HIV-Übertragung durch die Mutter. Als sie zwei Jahre alt war, ist ihre Mutter an AIDS gestorben, seither lebt sie bei ihrem Grosi. Für Lea ist es selbstverständlich, dass sie täglich Medikamente nimmt, als sie kleiner war, war es ein Sirup, jetzt sind es Tabletten, sie kennt es nicht anders. Was sie aber manchmal stört, ist, dass sie die Tabletten immer im Versteckten einnehmen soll, auch wenn sie bei einer Freundin übernachtet. Ihr Grosi hat ihr gesagt, dass sie niemandem sagen soll, dass sie Medikamente nimmt, weil das die Leute nichts angehe. Lea ist ein ganz normales, aufgewecktes Kind. Sie nimmt täglich ihre Medikamente, die das Virus vollständig unterdrücken. Damit funktioniert ihr Immunsystem normal, sie bleibt dank den Medikamenten gesund und ist nicht ansteckend. Ihre HIV-Infektion wird sie nicht daran hindern, Lehrerin zu werden, zu heiraten, Kinder zu bekommen, zu arbeiten und alt zu werden. Von ihrem Grosi hat sie gelernt, dass sie über ihre Krankheit nicht sprechen soll, weil andere Leute sonst komisch reagieren könnten und manche Kinder dann vielleicht nicht mehr mit ihr spielen wollen. Lea findet das seltsam, denn ihr Schulkamerad David* kann seinen Zucker in der Schule mesen, ohne dass dies jemanden stört. Aber ihr Grosi meint, das sei nicht das Gleiche.

EIN ANLIEGEN

1981 sind die ersten Menschen an AIDS gestorben. Heute, knapp 40 Jahre später, wird es Zeit, dass unsere in allen Belangen aufgeklärte, off ene und tolerante Gesellschaft ein neues Kapitel aufschlägt. Es wird Zeit, HIV als das anzusehen, was es ist: eine Erkrankung wie jede andere, für die man sich nicht schämen muss. Hören wir auf, zu verurteilen. Hören wir auf, komisch zu reagieren. Fangen wir an, darüber zu reden. Für Lea, damit sie sich nicht ihr Leben lang verstecken muss. Und auch für ihr Grosi, der das Virus die Tochter genommen hat, bevor die HIV-Therapie zur Erfolgsgeschichte wurde.

Ärzte 1

Fachärztin für: Allgemeine Innere Medizin , Infektiologie