Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in der Schweiz. Laut der Krebsliga Schweiz erhalten jährlich rund 8’300 Männer diese Diagnose. Neben medizinischen Fragen beschäftigen Betroffene häufig auch Sorgen um ihre Zukunft, ihre Partnerschaft oder mögliche Folgen der Behandlung. Genau hier setzt die Arbeit einer Prostate Care Nurse (dt. onkologische Pflegeberater*in) an: Sie begleitet Patienten und ihre Angehörigen durch die Erkrankung, bietet Orientierung und vermittelt bei Bedarf weitere Unterstützung. Im Interview erzählt Christina Scheurer Steffen, Prostate Care Nurse am Hirslanden Prostatakrebszentrum Bern, was ihre Arbeit ausmacht und weshalb eine individuelle, interdisziplinäre Betreuung so wichtig ist.
Was genau ist eine Prostate Care Nurse und welche Aufgaben übernehmen Sie bei der Betreuung von Patienten mit Prostatakrebs?
Als Prostate Care Nurse resp. onkologische Pflegeberaterin bin ich eine spezialisierte Pflegefachperson. Wir begleiten Männer mit Prostatakrebs und häufig auch ihre Angehörigen durch die Diagnose- und Behandlungsphase. Dabei können wir auf unsere langjährige pflegerische Erfahrung und unser Fachwissen zurückgreifen. Wir übernehmen eine Art Lotsenfunktion: Die Patienten können sich mit ihren Fragen und Sorgen an uns wenden und haben neben der ärztlichen Betreuung eine feste Ansprechperson.
Dabei geht es nicht nur um medizinische Fragen. Jeder Patient bringt seine eigene Geschichte mit. Manche stehen mitten im Berufsleben, andere sind bereits pensioniert. Einzelne haben kleine Kinder, andere machen sich Sorgen um ihre finanzielle Situation oder ihre Zukunft. Uns ist wichtig, all diese Aspekte zu berücksichtigen und gemeinsam herauszufinden, welche Unterstützung der Einzelne braucht.
Wann kommen Sie erstmals mit den Patienten in Kontakt und wie sieht die weitere Begleitung aus?
Idealerweise lernen wir die Patienten bereits rund um die Diagnose kennen. Je nachdem kann der erste Kontakt aber auch etwas später stattfinden. Wie es danach weitergeht, hängt von der Behandlung ab. Bei Patienten, die operiert werden, besuchen wir sie in der Regel während ihres Spitalaufenthalts. Auch nach dem Austritt bleiben wir mit ihnen in Kontakt – beispielsweise telefonisch etwa zwei Wochen und nochmals zwei Monate nach der Operation. Bei einer Bestrahlung oder systemischen Therapie sind Beratungsgespräche während der Behandlungsphase sowie vier bis sechs Wochen nach deren Abschluss vorgesehen.
Was ich an unserer Arbeit besonders schätze, ist, dass wir uns Zeit nehmen können. Manche Patienten brauchen nur ein Gespräch, andere begleiten wir über eine längere Dauer. Wenn jemand gerade eine schwierige Phase durchlebt, muss ein Gespräch nicht nach einer halben Stunde beendet werden.
Eine Krebsdiagnose wirft viele Fragen auf. Was beschäftigt die Patienten in den Gesprächen mit Ihnen besonders?
Für viele Männer ist die Diagnose zunächst ein Schock. Manche trifft sie völlig unerwartet. Andere haben sich vielleicht schon länger mit dem Thema beschäftigt, weil beispielsweise ihr Vater oder Bruder ebenfalls an Prostatakrebs erkrankt ist oder sie bereits unter ärztlicher Überwachung stehen. Was fast alle beschäftigt, sind die möglichen Folgen der Behandlung. Besonders gross ist die Angst vor Inkontinenz oder Erektionsstörungen. Das sind sehr persönliche Themen, über die nicht jeder gerne spricht.
Dazu kommen ganz alltägliche Fragen: Wie sage ich es meinem Arbeitgeber? Soll ich meinen Kindern von der Erkrankung erzählen? Und wenn ja, wie? Wie spreche ich mit meiner Partnerin oder meinem Partner darüber? Gerade bei jüngeren Männern, die noch mitten im Familien- und Berufsleben stehen, sind das wichtige Themen. Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung können auch existenzielle Fragen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit hinzukommen.
Gerade Inkontinenz und Sexualität sind für viele Männer sensible Themen. Wie gehen Sie in der Beratung damit um?
Uns ist wichtig, solche Themen aktiv anzusprechen. Wir möchten nicht, dass die Patienten erst selbst eine grosse Hemmschwelle überwinden müssen, bevor sie ihre Sorgen äussern können. Wir erklären, welche Auswirkungen die Behandlung haben kann und welche Möglichkeiten es gibt, damit umzugehen. Dazu gehört auch ganz praktische Unterstützung, beispielsweise die Anleitung im Umgang mit einer Vakuumpumpe bei Erektionsstörungen. Bei Bedarf vermitteln wir zudem an spezialisierte Fachpersonen, etwa aus der Beckenbodenphysiotherapie, Sexualtherapie oder Psychoonkologie.
Gleichzeitig versuchen wir, den Patienten Mut zu machen. Die Angst vor einer möglichen Inkontinenz ist bei vielen Männern gross. Dank moderner Operationsverfahren wie der roboterassistierten Chirurgie können die Risiken für eine Inkontinenz reduziert werden. Dennoch kann es nach dem Eingriff zu vorübergehenden Beschwerden kommen. Die Wiedererlangung der Kontinenz ist häufig ein Prozess, der etwas Zeit und oft eine Portion Geduld benötigt. Aus unserer Erfahrung machen viele Männer bereits in den ersten Wochen nach der Operation gute Fortschritte. Das zu hören, hilft den Patienten oft. Und manchmal braucht es gar nicht viele Ratschläge. Es reicht schon, wenn jemand da ist, zuhört und den Sorgen Raum gibt.
Welche Rolle spielen die Angehörigen bei Ihrer Arbeit?
Eine Krebserkrankung betrifft selten nur die erkrankte Person. Auch Partner*innen, Kinder und andere nahestehende Menschen sind häufig mit Unsicherheiten und Ängsten konfrontiert. Deshalb beziehen wir Angehörige auf Wunsch in die Beratung mit ein. Manchmal melden sich diese auch direkt bei uns. Wir erleben beispielsweise immer wieder, dass sich Väter fragen, ob sie ihren Kindern von der Diagnose erzählen sollen und wie sie das am besten machen. Auch bei solchen Fragen versuchen wir zu helfen. Denn was zu Hause oder im persönlichen Umfeld passiert, hat natürlich einen grossen Einfluss darauf, wie jemand mit seiner Erkrankung umgeht.
Die Behandlung von Prostatakrebs erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Wie funktioniert diese interdisziplinäre Betreuung im Alltag?
Besonders eng arbeiten wir mit den behandelnden Urolog*innen und den Praxisteams zusammen. Wir stehen in regelmässigem Austausch und können sie bei Fragen oder besonderen Situationen unkompliziert ansprechen. Daneben haben wir ein breites Netzwerk an Fachpersonen und Beratungsstellen, auf das wir zurückgreifen können. Je nachdem, was ein Patient braucht, vermitteln wir beispielsweise an die Psychoonkologie, an spezialisierte Physiotherapeut*innen oder an die Krebsliga. Dort gibt es unter anderem die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe auszutauschen.
Gerade wenn mehrere Belastungen zusammenkommen, ist diese Zusammenarbeit sehr wertvoll. Wir können uns mit den verschiedenen Fachpersonen austauschen und gemeinsam überlegen, was dem Patienten in seiner Situation am besten helfen könnte. Kürzlich haben wir beispielsweise einen Patienten betreut, der grosse Angst vor seiner bevorstehenden Operation hatte. Im Austausch mit unseren Kolleg*innen aus der Breast Care Nurse-Beratung entstand die Idee, ihm eine Hypnosetherapie zur Vorbereitung auf den Eingriff zu vermitteln. Er nahm dieses Angebot wahr und hat die Vorbereitung auf die Operation als sehr positiv erlebt.
Was ist Ihnen persönlich bei der Begleitung von Patienten mit Prostatakrebs besonders wichtig?
Mir ist wichtig, den Menschen hinter der Diagnose zu sehen. Wir möchten nicht nur erfassen, welche Beschwerden oder Belastungen bestehen, sondern auch herausfinden, welche Stärken und Ressourcen jemand mitbringt. Dafür nutzen wir unter anderem ein sogenanntes Distress-Meter. Es hilft uns, gemeinsam mit den Patienten körperliche, emotionale, soziale und praktische Belastungen sichtbar zu machen und einzuordnen. Auf dieser Grundlage können wir gezielt besprechen, wo Unterstützung benötigt wird und was der Patient selbst zur Bewältigung seiner Situation beitragen kann.
Ich möchte die Patienten darin bestärken, ihre eigenen Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen. Es geht nicht darum, die Erkrankung kleinzureden, sondern darum, dass sie nicht das gesamte Leben bestimmt. Und vor allem sollen die Männer wissen: Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Bei uns dürfen alle Fragen, Sorgen und Gefühle Platz haben.
Gut zu wissen: Prostatakrebs frühzeitig erkennen
Prostatakrebs verursacht im frühen Stadium häufig keine Beschwerden. Eine frühzeitige Diagnose kann die Behandlungsmöglichkeiten verbessern. Männern wird empfohlen, sich ab dem 50. Lebensjahr mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über die Vor- und Nachteile der Frühabklärung zu informieren. Bei familiärer oder genetischer Vorbelastung kann eine Beratung schon vor diesem Zeitpunkt sinnvoll sein.
Umfassende Betreuung im Prostatakrebszentrum Bern
Das zertifizierte Hirslanden Prostatakrebszentrum Bern bietet neben weiterführenden Abklärungen auch eine umfassende, interdisziplinäre Behandlung und Betreuung bei Prostatakrebs. Spezialist*innen verschiedener Fachrichtungen arbeiten eng zusammen, um für jeden Patienten eine individuell abgestimmte Therapie und Begleitung sicherzustellen.
Weitere Informationen: Prostatakrebszentrum Bern
speziell: Hals- und Gesichtschirurgie
Prostate Care Nurse