Medizin

Viele Freizeitsportler*innen investieren viel Zeit ins Training und stagnieren trotzdem in ihrer sportlichen Leistung. Andere kämpfen mit Müdigkeit, Überbelastungen oder fehlender Regeneration. Woran liegt das? Unsere Expertinnen erklären im Gespräch, weshalb Leistungsfähigkeit weit mehr ist als hartes Training.

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Im Medical Center Wankdorf, dem Kompetenzzentrum für ganzheitliche Bewegungs-, Sport- und Präventionsmedizin, arbeiten verschiedene Fachbereiche eng zusammen – von der Sportmedizin über die Physiotherapie bis hin zur Leistungsdiagnostik und Ernährungsberatung. Ziel ist es, Belastung, Regeneration und Prävention nicht isoliert zu betrachten, sondern als Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Wie dieser ganzheitliche Ansatz in der Praxis aussieht, erklären Caroline Schneider, Sportwissenschaftlerin PhD, und Kathrin Götz-Friedrich, BSc Ernährung & Diätetik SVDE und MA Trainingswissenschaft & Sporternährung. Im Gespräch erzählen sie, weshalb viele Freizeitsportler*innen zu intensiv trainieren, warum die nötige Energiezufuhr häufig unterschätzt wird und weshalb Prävention schon lange vor einer Verletzung beginnt.

Frau Schneider, Frau Götz-Friedrich: Was können Freizeitsportler*innen vom Spitzensport lernen?

Caroline Schneider: Vor allem Struktur und gezielte Planung. Viele trainieren einfach drauflos, ohne genau zu wissen, welches Ziel sie verfolgen oder wie intensiv sie eigentlich trainieren sollten. Im Leistungssport wird sehr bewusst zwischen Belastung und Regeneration abgestimmt. Genau das ist auch im Breitensport wichtig – besonders, weil dort zusätzlich Beruf, Familie und Alltag Energie kosten.

Leistungsdiagnostik hilft dabei, die individuellen Trainingszonen korrekt einzuschätzen und das Training sinnvoll darauf abzustimmen. So kann man Überbelastung vermeiden und gleichzeitig effizienter trainieren.

Kathrin Götz-Friedrich: Bei der Ernährung ist es ähnlich. Im Spitzensport ist längst klar, dass dies Teil der Leistungsfähigkeit ist. Im Breitensport wird das oft unterschätzt. Viele denken: «Ich bin ja kein Profi.» Dabei ist die Belastung subjektiv oft genauso hoch.

Gerade Menschen, die neben dem Sport noch arbeiten oder Familie haben, müssen ihre Energieversorgung bewusst im Blick behalten – ohne dabei das Thema Ernährung zu komplex zu denken. Wer zu wenig Energie zuführt, regeneriert schlechter und erhöht langfristig auch das Risiko für Überbelastungen oder Verletzungen.

Frau Schneider, was genau versteht man unter Leistungsdiagnostik?

Caroline Schneider: Die Leistungsdiagnostik stellt in erster Linie eine Standortbestimmung dar, die es ermöglicht, die körperliche Leistungsfähigkeit objektiv einzuschätzen. Je nach Zielsetzung kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz. Ein klassischer Bestandteil ist der sogenannte Laktatstufentest. Dabei wird die Belastung auf dem Laufband oder Velo schrittweise erhöht. Durch die Analyse des Laktats im Blut liefert dieses Testverfahren wichtige Hinweise auf den Stoffwechsel und hilft, die individuellen Trainingsbereiche für ein gezieltes Training festzulegen und die Leistungsentwicklung zu messen. Die Spiroergometrie ergänzt diese Diagnostik durch die Messung der Atemgase und erlaubt eine Beurteilung des Zusammenspiels von Lunge, Herz und Muskulatur sowie die Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme.

Viele denken, solche Standortbestimmungen seien nur für Spitzensportler*innen sinnvoll. Tatsächlich profitieren davon aber auch Einsteiger*innen und ambitionierte Freizeitsportler*innen wie auch Menschen, die nach einer Verletzung wieder in ihren Sport einsteigen wollen.

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Was überrascht Ihre Kund*innen bei den Ergebnissen am häufigsten?

Caroline Schneider: Dass sie meistens zu intensiv trainieren. Das sehen wir tatsächlich sehr häufig. Gerade im Grundlagentraining wäre es wichtig, bewusst locker zu trainieren. Viele haben aber das Gefühl, nur ein anstrengendes Training bringe Fortschritte. Dadurch bewegen sie sich dauerhaft in zu intensiven Bereichen. Das kann dazu führen, dass Trainingseffekte ausbleiben, die Regeneration länger dauert und das Verletzungsrisiko steigt.

Ein Kunde hat uns beispielsweise erzählt, dass er sich beim langsamen Joggen zuerst fast «zu wenig gefordert» fühlte. Erst als er seine Trainingsbereiche besser verstand, merkte er plötzlich: Joggen muss nicht immer maximal anstrengend sein. Heute erlebt er lockere Läufe nicht mehr als «Zeitverschwendung», sondern als wichtigen Teil seines Trainings. Wenn wir die Resultate der Tests anschauen, merken viele plötzlich: «Ich trainiere eigentlich ständig mit einer zu hohen Herzfrequenz.»

Frau Götz-Friedrich, welche Rolle spielt Ernährung für Leistungsfähigkeit und Regeneration?

Kathrin Götz-Friedrich: Eine zentrale Rolle. Ohne genügend Energie kann der Körper keine Leistung erbringen – weder im Alltag noch im Sport. Viele unterschätzen, wie hoch ihr tatsächlicher Energieverbrauch ist. Besonders bei regelmässigem Ausdauertraining reicht es oft nicht, einfach «normal» zu essen. Wer mit leeren Speichern trainiert, regeneriert schlechter und fühlt sich schneller erschöpft.

Viele Kund*innen berichten nach einer gezielten Anpassung ihrer Ernährung deshalb nicht nur von besseren Leistungswerten, sondern auch von einem völlig anderen Körpergefühl: weniger Energietiefs, weniger Heisshunger nach dem Training und deutlich schnellere Erholung.

Gleichzeitig braucht der Körper Nährstoffe für Reparatur- und Aufbauprozesse – beispielsweise für Muskeln, Sehnen oder das Immunsystem. Ernährung beeinflusst also nicht nur die Leistung während des Trainings, sondern auch die Regeneration danach.

Warum macht es Sinn, Bereiche wie Leistungsdiagnostik und Ernährung gemeinsam zu betrachten?

Caroline Schneider: Weil vieles zusammenhängt. Wir hatten beispielsweise einen ambitionierten Amateur-Triathleten, der 15 bis 20 Stunden pro Woche trainierte. Obwohl er dabei sehr konsequent war, zeigten die Leistungstests über Monate praktisch keine Fortschritte, zudem fühlte er sich oft müde. Im Gespräch wurde deutlich, dass er neben seinem hohen Trainingspensum im Alltag schlicht zu wenig Energie zuführte.

Kathrin Götz-Friedrich: Genau solche Fälle zeigen, warum ein ganzheitlicher Ansatz wichtig ist. Erst durch die Kombination aus Leistungsdiagnostik und Ernährungsberatung wurde sichtbar, weshalb sich seine Leistung nicht verbesserte. Viele erleben dabei einen echten Aha-Moment. Sie merken plötzlich, dass sie nicht härter trainieren müssen, sondern ihrem Körper überhaupt erst genügend Energie zur Verfügung stellen sollten. Oft verbessert sich dadurch nicht nur die Leistung, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden.

Was sind einfache Hebel, mit denen Freizeitsportler*innen direkt etwas verbessern können?

Caroline Schneider: Bewusst langsamer trainieren. Das klingt simpel, hat aber oft einen grossen Effekt. Viele profitieren enorm davon, ihre Grundlagenbereiche korrekt einzuhalten und der Regeneration mehr Bedeutung zu geben.

Kathrin Götz-Friedrich: Und regelmässiger essen. Wer ausreichend isst und Kohlenhydrate gezielt einsetzt, fühlt sich oft schneller leistungsfähiger und erholt sich besser. Oft sind es keine komplizierten Veränderungen, sondern ein besseres Verständnis für den eigenen Körper, das, was den Unterschied ausmacht.

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Kathrin Götz Friedrich
BSc Ernährung & Diätetik SVDE und MA Trainingswissenschaft & Sporternährung
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Caroline Schneider
Sportwissenschaftlerin PhD