Medizin

Seit fast sieben Jahren lebt Silvia Zurmühlen mit Brustkrebs. Der Krebs begleitet sie wie ein «unsichtbarer Rucksack», wie sie selbst sagt. Auf die Diagnose der bereits fortgeschrittenen Erkrankung folgten Chemotherapie, eine bis heute andauernde Erhaltungstherapie und schliesslich die Entfernung der linken Brust. Die Erkrankung ist damit Teil ihres Lebens geworden – bestimmen lässt sie sich von ihr jedoch nicht. Gemeinsam mit Dr. med. Patrizia Sager, Zentrumsleiterin des Brustzentrums Bern Biel, blickt sie auf ihren bisherigen Weg zurück und darauf, was es bedeutet, seit viele Jahre mit Krebs zu leben.

Chemopatientin mit Kopftuch blickt mit Kaffee in die Ferne

«Ich bin weiterhin ich», sagt Silvia Zurmühlen. Der Krebs gehöre zu ihrem Leben, aber er definiere sie nicht. Sie arbeitet, reist, schwimmt, wandert und verbringt Zeit mit ihrem Partner, ihrer Familie und ihren Freund*innen. Gleichzeitig erhält sie bis heute eine Erhaltungstherapie und lebt mit den Folgen ihrer Behandlung. Ihren Krebs bezeichnet sie selbst als «Untermieter», mit dem sie inzwischen eine ziemlich strenge Hausordnung vereinbart habe.

Ein kleiner Einzug in der Brust verändert alles

Begonnen hat ihre Geschichte 2019. Nach einem Urlaub bemerkt sie vor dem Spiegel einen kleinen Einzug unterhalb ihrer linken Brust – kaum länger als ein Fingernagel. Schmerzen oder andere Beschwerden hat sie nicht. Sie fühlt sich gesund, treibt Sport und ist beruflich stark eingebunden. Trotzdem spürt sie sofort: Da stimmt etwas nicht.

Sie sucht eigenständig nach einer spezialisierten Anlaufstelle und wendet sich an das Brustzentrum Bern Biel. Bei Dr. med. Patrizia Sager und ihrem Team folgen schnellstmöglich weitere Abklärungen. Schliesslich steht fest: Silvia Zurmühlen hat Brustkrebs. Und die Erkrankung ist bereits weiter fortgeschritten als zunächst angenommen.

Bei ihr wird ein primär metastasiertes invasives Mammakarzinom der linken Brust diagnostiziert. Der Tumor ist HER2-positiv und hormonsensibel. Das bedeutet, dass die Krebszellen bestimmte Rezeptoren aufweisen, die ihr Wachstum fördern – gleichzeitig aber gezielt mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden können. Zu diesem Zeitpunkt hat der Krebs bereits in Knochen und Leber gestreut. Für die damals 47-Jährige kommt die Diagnose völlig unerwartet. «Man denkt zuerst: Das passiert doch anderen, nicht mir.»

Ein klarer Plan für die Behandlung

Weil der Krebs bereits gestreut hat, steht zunächst nicht die Operation der Brust im Vordergrund. «Bei einem primär metastasierten Mammakarzinom behandeln wir zuerst systemisch, also im ganzen Körper», erklärt Patrizia Sager. «In dieser Situation ist nicht der lokale Tumor in der Brust, sondern die Metastasen entscheidend. Unser Ziel war deshalb, die Erkrankung ohne Verzögerung im gesamten Körper zu bekämpfen.»

Silvia Zurmühlen erhält eine Chemotherapie in Kombination mit einer doppelten HER2-Blockade durch Antikörper. Für sie beginnt damit Anfang 2020 eine sehr fordernde und intensive Zeit. Sechs Chemotherapiezyklen folgen innerhalb weniger Monate. Haarausfall, Geschmacks- und Gewichtsverlust sowie Neuropathien – Nervenschädigungen, die sich bei ihr durch Kribbeln und Taubheitsgefühle an Händen und Füssen bemerkbar machen – gehören zu den Nebenwirkungen, die sie erlebt. Die Neuropathien spürt sie teilweise bis heute. Mitten in die Behandlung fällt zudem der Beginn der Corona-Pandemie. Ab der dritten Infusion muss sie ihre Termine deswegen alleine wahrnehmen.

Geholfen habe ihr, jeweils den nächsten Schritt vor Augen zu haben. «Wir machen das. Wir gehen da durch und du kriegst das hin», habe sie sich immer wieder gesagt. Auch ihr früherer Wettkampfsport habe sie geprägt: aufstehen, weitermachen, das nächste Etappenziel erreichen.

Ebenso wichtig ist und war für sie die professionelle Begleitung. Neben Patrizia Sager und den weiteren behandelnden Fachpersonen werden insbesondere die Breast Care Nurses zu wichtigen Bezugspersonen – nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihren Partner und ihre Familie. Einen klaren Behandlungsplan zu haben und zu wissen, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden kann, gibt ihr in einer von Unsicherheit geprägten Zeit Halt.

Eine Therapie, die bis heute anhält

Die Behandlung schlägt gut an. Zeitweise sind in Knochen und Leber keine Tumorreste mehr sichtbar. Doch damit ist die Therapie nicht beendet. Seit 2020 erhält sie ohne Unterbruch eine Erhaltungstherapie. «Die Erhaltungstherapie ist nötig, damit die Tumorzellen nicht wieder wachsen können», erklärt Patrizia Sager. Moderne Therapien könnten es heute ermöglichen, dass auch Patient*innen in einem sehr fortgeschrittenen Stadium über viele Jahre hinweg eine gute Lebensqualität erhalten. Für Silvia Zurmühlen gehört die Therapie inzwischen zu ihrem Leben. 16- bis 17-mal pro Jahr steht ein Behandlungstermin an. «Das ist mein Freifahrtschein, dass ich leben kann», sagt sie.

Auch der Begriff «palliativ» begleitet sie seit ihrer Diagnose – ein Wort, das gesellschaftlich häufig mit der letzten Lebensphase gleichgesetzt wird. «Palliativ bedeutet für uns Mediziner*innen heute nicht, dass eine Patientin am Lebensende steht», erklärt Patrizia Sager. «Es bedeutet in diesem Fall, dass wir den Tumor aktuell nicht heilen können und deshalb eine andauernde Therapie notwendig ist.» In diesem Sinne könne eine metastasierte Brustkrebserkrankung ähnlich wie eine chronische Erkrankung über lange Zeit behandelt werden. Für Silvia Zurmühlen hat sich genau das bewahrheitet.  Nach der ersten Behandlung findet sie Schritt für Schritt wieder in ihren Alltag zurück.

Dr. med. Patrizia Sager untersucht Patientin an der Brust

2024 ist der Krebs in der Brust zurück

Vier Jahre später verändert sich die Situation erneut. Bei einer Untersuchung zeigt sich, dass der Tumor in der Brust zurückgekehrt ist. Im restlichen Körper sind zu diesem Zeitpunkt keine Tumorherde sichtbar. Der Fall wird erneut interdisziplinär an der Tumorkonferenz besprochen. Gemeinsam mit Silvia Zurmühlen entscheidet sich das Behandlungsteam für eine Mastektomie, also die Entfernung der betroffenen Brust. Ausschlaggebend ist unter anderem, dass mehrere Herde in der Brust vorhanden sind, während sich ausserhalb der Brust keine erneute Tumoraktivität zeigt.

Die Operation ermöglicht zudem, das Tumorgewebe erneut zu untersuchen. «Tumore können sich im Laufe der Jahre verändern», erklärt Patrizia Sager. «Eine erneute Bestimmung des Tumortyps kann deshalb wichtig sein, um beurteilen zu können, ob die Therapie angepasst werden muss.» Für Silvia Zurmühlen selbst ist die Entscheidung klar: Auf einen Wiederaufbau der Brust möchte sie verzichten. Sie bittet lediglich um etwas Zeit, um sich von ihrer Brust zu verabschieden und die Entscheidung zu verarbeiten. Heute spricht sie sehr offen darüber. Sie trägt enge T-Shirts, geht schwimmen und fühlt sich wohl in ihrem Körper. «Ich bin eine Frau mit einer Brust und es ist in Ordnung.»

Medizinische Betreuung und menschliche Begleitung

Dass sie heute so über ihre Erkrankung sprechen kann, schreibt sie nicht nur ihrer eigenen inneren Haltung zu. Über die Jahre ist rund um sie ein Netz aus medizinischen Fachpersonen, Familie, Partner und Freund*innen entstanden.

Gerade bei einer Erkrankung, die Patient*innen über viele Jahre begleitet, geht die Behandlung weit über einzelne medizinische Eingriffe hinaus. Im Brustzentrum Bern Biel werden Diagnose und Therapie interdisziplinär abgestimmt und Patient*innen durch die verschiedenen Phasen ihrer Erkrankung begleitet. Für Silvia Zurmühlen war insbesondere die Kontinuität wichtig: Menschen an ihrer Seite zu wissen, die ihre Geschichte kennen, medizinische Veränderungen einordnen und gemeinsam mit ihr die nächsten Schritte festlegen.

Gleichzeitig hat sie gelernt, Kontrolle auch einmal abzugeben. «Es gibt Dinge im Leben, die nicht in Kontrolle sind. Und diesen Kontrollverlust muss man erlernen und akzeptieren», sagt sie. Ein allgemeingültiges Rezept für den Umgang mit Krebs gebe es dabei nicht. «Es gibt schlicht kein Handbuch dafür.»

Bewusster leben – mit unsichtbarem Rucksack

Heute arbeitet Silvia Zurmühlen zu 60 Prozent. Zwei Tage pro Woche hält sie bewusst frei, um auf ihre Kräfte zu achten. Nebenwirkungen wie Neuropathien erinnern sie daran, dass die Erkrankung und ihre Behandlung weiterhin da sind. Ihren Alltag lässt sie davon jedoch nicht bestimmen: Sie treibt Sport, verbringt Zeit mit Familie und Freund*innen und ist auch sonst aktiv. Vor allem aber geht sie bewusster mit ihrer Zeit um. Sie fragt sich häufiger, was ihr guttut, was ihr Kraft gibt – und was sie nicht länger aufschieben möchte.

«Wir sind alle endlich», sagt sie. Diese Erkenntnis müsse eigentlich nicht erst mit einer schweren Erkrankung kommen. Für sie hat sie dennoch vieles verändert. Wenn sie etwas erleben möchte und medizinisch nichts dagegenspricht, dann macht sie es. Nicht irgendwann, sondern möglichst jetzt. Und so ist aus den vergangenen Jahren ein Satz geblieben, der für sie weit mehr ist als ein Leitspruch: «Es gibt nur eine wichtige Zeit – und die ist heute, hier und jetzt.»

Brustzentrum Bern Biel: Kompetenz und Empathie unter einem Dach

Das Brustzentrum Bern Biel bietet an den Standorten Bern und Biel eine umfassende Betreuung bei Brusterkrankungen – von der Abklärung und Diagnostik über die individuell abgestimmte Therapie bis zur Nachsorge. Spezialist*innen verschiedener Fachrichtungen arbeiten dabei eng zusammen und besprechen die Behandlung von Brustkrebspatientinnen im interdisziplinären Tumorboard.

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Brustgesundheit im Fokus

Der Oktober steht weltweit im Zeichen von Brustkrebs. Der sogenannte Breast Cancer Awareness Month macht auf die häufigste Krebserkrankung bei Frauen aufmerksam und rückt Themen wie Früherkennung, Behandlung und das Leben mit und nach Brustkrebs stärker ins öffentliche Bewusstsein.

Auch über den Brustkrebsmonat hinaus bietet Hirslanden Bern die Möglichkeit, sich mit Expert*innen zu Fragen rund um die weibliche Gesundheit auszutauschen: Beim Meet the Experts «Ganzheitliche Frauengesundheit – in jedem Alter» am 12. November 2026 im Salem-Spital stehen Fachpersonen für den persönlichen Austausch zur Verfügung. Thematisiert werden unter anderem Brustgesundheit und Karzinomprophylaxe, Menopause und Hormone sowie sexuelle Gesundheit. Der Anlass ist kostenlos, die Platzzahl beschränkt.

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