Helen Aschwandens Feuer für die Geburtswelt brennt schon seit sie ein Kind ist. Über Umwege fand sie schliesslich zu ihrem Traumberuf Hebamme. Sie erzählt, wie es dazu kam.

Schon als Kind zog Helen ein Buch aus dem Regal ihrer Mutter immer wieder in den Bann: «Ein Kind entsteht» von Lennart Nilsson. Regelmässig verschlang sie das Buch, das eine damals einmalige Bilddokumentation der Entwicklung unge borenen Lebens im Mutterleib zeigt. Aber nicht alle waren von diesem Buch begeis tert: «Als ich es damals euphorisch meiner Freundin zeigte, war sie sehr abgeneigt und fast ein bisschen entsetzt», erzählt Helen lachend.

Faszination Geburt
Trotz ihrer frühen Faszination für Geburten entschied sie sich bei der Berufswahl für einen anderen Weg. Sie absolvierte das Lehrerseminar im Theresianum Ingebohl im Kanton Schwyz. «Anstatt die Matura zu machen, besuchte ich das Lehrersemi. So hatte ich nach der sechs jährigen Ausbildung die Möglichkeit, entweder sofort als Lehrerin zu arbeiten oder etwas zu studieren», erklärt Helen, die anschliessend fünf Jahre als Unterstufen-Lehrerin arbeitete. Die zweifache Mutter merkte jedoch schnell, dass ihr der Alltag als Lehrerin zeitlich zu stark durchgetaktet ist.

Geduld, Ausdauer und ein neuer Weg

Mit 18 wurde Helen erstmals Tante. Ein besonderes Ereignis. «Ich löcherte meine Schwägerin schon während der Schwangerschaft mit so vielen Fragen, dass sie irgendwann fragte, warum ich nicht Hebamme werden wolle.» Diese Frage regte Helen zum Nachdenken an. Je mehr Neffen und Nichten sie erhielt, desto mehr reifte ihre Entscheidung: Sie wollte Hebamme werden. Die Urnerin absolvierte die notwendigen Vorpraktika und bestand die Aufnahmeprüfung für die Hebammenschule in St. Gallen. Doch der Start war herausfordernd: «Als Lehrerin war ich selbstständig und hatte zeitlich klar vorgegebene Strukturen. In den Praktika musste ich wieder ganz unten beginnen und in die Rolle der ‹Lernenden› schlüpfen. Daran musste ich mich zuerst gewöhnen». Auch die Flexibilität, das Arbeiten im Schichtbetrieb und die Ungewissheit, wie ein Dienst oder eine Geburt verlaufen würde, erforderten Eingewöhnung.

Schönwetter-Station
Trotz allem hat Helen ihren Schritt nie bereut. Die Faszination und Freude an diesem naturgegebenen Prozess spürt sie nämlich auch nach über 21 Jahren noch. Helen beschreibt die Geburtswelt liebevoll als «Schönwetter-Station»: «Das spezielle am Hebammen-Beruf ist, dass wir wohl die einzigen medizinischen Fachpersonen sind, die nichts heilen müssen. Wir haben das Privileg, Paare bei einem physiologischen Prozess, bei dem am Ende ein Kind das Licht der Welt erblickt, zu begleiten.»

Hebammensein
In der Klinik St. Anna arbeiten pro Schicht jeweils zwei Hebammen. Ideal ist eine Eins-zu eins-Betreuung der Gebärenden. Manchmal sind aber auch alle vier Gebärsäle gleichzeitig besetzt. «Dann können wir auf die Unterstützung des Wochenbett-Teams zählen. Unser Ziel bleibt, die Frauen möglichst eng zu begleiten und ihnen ein positives Geburtserlebnis zu ermöglichen.» Helen vergleicht den Geburtsprozess mit einem Weg, auf dem die Hebammen und die Frauen gemeinsam unterwegs sind. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, diesen Weg zu erleichtern, etwa durch adäquate Schmerztherapien in Zusammenarbeit mit dem Anästhesie-Team. «Unsere Aufgabe in diesem Prozess ist es, ein vertrauens volles, sicheres Umfeld zu schaffen, Empathie zu zeigen und den Frauen Vertrauen in ihre Gebärfähigkeit zu vermitteln», so Helen. Die interdisziplinäre Zusammenar beit sei bei einer Geburt essentiell: «Wir Hebammen sind nur eines von vielen Zahnrädchen, die ineinandergreifen müssen, damit die Geburt erfolgreich verläuft.»

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Helen Aschwanden
Dipl. Hebamme