Vom Geschenk der Gesundheit

Herr Prof. Vogt, Sie kommen eben von einer Herzoperation zurück, die Sie an der Klinik im Park in Zürich durchgeführt haben. Wissen Sie, die wievielte Operation das gewesen ist?

Nein. Ich zähle sie nicht mehr. Früher habe ich Statistik geführt, aber irgendwann damit aufgehört. Es dürften wohl zwischen 9'500 bis 10'000 Operationen sein, die ich durchgeführt habe.

Entsteht nach so vielen Eingriffen Routine? Langeweile? Oder bleibt Ihre Neugier auf dieses phänomenale Organ, das wir Herz nennen, unverändert lebendig?

Es gibt Routine, aber eine positive, die dank wachsender Erfahrung dazu führt, dass es immer weniger unlösbare Probleme gibt. Eine negative Routine darf es nie geben, das wäre in unserem Beruf fatal. Jeder Patient ist für sich und individuell, und ihm gilt die ganze Aufmerksamkeit. Dies ist auch deshalb wichtig, weil jeder Patient an einer Herzoperation versterben kann. Nur schon das Wissen um diesen manchmal schmalen Grat, der Erfolg von Misserfolg trennt, macht jeden Eingriff zu etwas Besonderem und verhindert das Abrutschen in eine negative Routine.

Für viele Menschen ist die gute Gesundheit etwas Normales, vielleicht fast etwas Selbstverständliches. Als Arzt sehen sie das wohl anders.

Wer sich einer problemlosen Gesundheit erfreut, weiss gar nicht, was für ein Geschenk das ist. Für einen gesunden Menschen hat die Gesundheit oft nicht die Bedeutung, die ihr zukommt. Den Wert der Gesundheit schätzen die Menschen häufig erst dann, wenn sie fehlt oder beeinträchtigt ist. Gesundheit und Freiheit, meine ich, sind zwei enorm wertvolle Güter, die von uns allen mehr Wertschätzung verdienen würden.

Ist Gesundheit ein unverdienter Reichtum?

Im Spital begegnen wir vielen Menschen, die mit Einschränkungen, mit Leid und Schmerz zu kämpfen haben und komplizierte Therapien über sich ergehen lassen müssen. Bei jedem Einzelnen zeigt sich, was für ein hohes Gut die Gesundheit ist und wie teuer sie uns sein sollte. Die Gesundheit ist weit mehr als eine blosse Selbstverständlichkeit.

Sind Herz- und Kreislauf-Krankheiten vor allem ein Problem von Menschen, die sich im Alltag zu viel Stress und Arbeit zumuten?

Nein. Stress ist ein Allerweltswort, das für alles herhalten muss und zur Beschreibung einzelner Phänomene nicht mehr viel taugt. Sogar der wirklich negative Stress trägt nur wenige Prozente zur Entstehung eines Herz-Gefäss-Leidens bei. Wichtiger sind Gene, Vererbung und die bekannten Risikofaktoren: Rauchen, Übergewicht, ungesunde Ernährung – das, was jeder Mensch selber beeinflussen kann, wenn er wirklich will. Den grössten Risikofaktor überhaupt laden sich jene Menschen auf, die keine physischen Aktivitäten ausüben. Ihr Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen oder gar daran zu sterben, ist markant höher als bei Menschen, die sportlich aktiv für ausreichend Bewegung im Alltag sorgen. 

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Abb. 1
Die Ärzte von EurAsia Heart vermitteln Herzspezialisten aus Asien und Osteuropa medizinisches Wissen, Erfahrung und chirurgische Fertigkeiten.

Kommt es in entwickelten Ländern häufiger zu Herz-Kreislauf-Krankheiten als in Schwellenländern?

Nein. In den Industrieländern nimmt die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Todesfolge ab. 80 Prozent aller Todesfälle infolge Herz-Kreislauf-Erkrankungen finden heute in Entwicklungs- und Schwellenländern statt – ein riesiges Problem.

War das für Sie das Motiv, eine Stiftung zu gründen, die mehr herz chirurgisches Wissen und Know-how in die Entwicklungsländer vermittelt?

Es hatte sicher einen Einfluss auf die Gründung von EurAsia Heart. Meine erste Reise führte mich Ende 2000 – sechs Jahre vor der formellen Stiftungsgründung – nach China. Ich war von einem chinesischen Arzt eingeladen worden, mit dem ich zuvor einige Jahre am Universitätsspital in Zürich gearbeitet hatte. Auf China folgte Vietnam.

Wie müssen wir uns einen Einsatz westlicher Herzchirurgen vorstellen?

Auf meiner ersten Reise ins chinesische Wuhan wurde ich eingeladen, um vor chinesischen Chirurgen zu operieren. Die Operation wurde in einen Nebenraum übertragen. Dort sassen Chefärzte zahlreicher chinesischer Universitätsspitäler, die mich dann in ihre Kliniken einluden.

Es geht also um Hilfe zur Selbsthilfe und um Wissenstransfer?

Genau. Wir vermitteln unser Wissen und Können an Ärzte und Pflegepersonal in Osteuropa und Asien. Wir halten Vorträge, demonstrieren chirurgische Eingriffe und – vor allem: Wir assistieren den lokalen Chirurgen. Da wir in der Regel zwei bis drei Wochen vor Ort sind, sind wir auch bei der wichtigen Nachbehandlung dabei. Das Ziel ist immer dasselbe: Die lokalen Ärzte sollen Diagnostik, Therapie und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen selbständig und auf adäquatem Niveau beherrschen.

Genügt Hilfe zur Selbsthilfe?

Es gibt nichts Besseres als Hilfe zur Selbsthilfe, wenn ein Gesundheitssystem nachhaltig verbessert werden soll. Der Wunsch, das Problem auf einen Schlag global zu lösen, ist menschlich verständlich, aber vollkommen illusorisch. Verbesserungen können immer nur schrittweise geschehen, in einem konkreten Land, einem konkreten Spital und an konkreten Patienten. Wir sehen bei jeder neuen Mission die Fortschritte und freuen uns, wenn die lokalen Chirurgen das, was sie gelernt haben, auch dann anwenden, wenn wir wieder zu Hause sind. Wir sind dann erfolgreich, wenn wir uns auf lange Frist überflüssig machen. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe. Alles andere gleicht chirurgischem Tourismus ohne nachhaltigen Effekt. 

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Abb. 2
Die Weiterbildung und der Wissensaustausch finden direkt vor Ort statt: in den vorhandenen Operationssälen und durch die Behandlung von eigenen Patienten mit den vorhandenen Instrumenten.

Es kommen auch Ärzte aus Schwellenländern zu Ihnen nach Zürich.

Ja, der Wissenstransfer funktioniert in beide Richtungen. Es ist häufig so, dass Chefärzte aus Entwicklungsländern uns an der Klinik im Park assistieren. Dann reisen wir ihnen hinterher und assistieren ihnen in ihrem Land. Und noch etwas: Der Ärztepool von EurAsia Heart besteht nicht nur aus Zürcher oder Schweizer Herzspezialisten, sondern wir arbeiten mit Kollegen aus Yale, St. Petersburg, Tomsk, Wien, Melbourne oder Singapur zusammen. Dieser permanente Wissensaustausch über aktuelle medizinisch-technische Herausforderungen funktioniert über mehrere Kontinente. Vom Austausch profitieren alle – auch wir in Zürich.

Sie geben wertvollen Reichtum an Wissen und Know-how weiter. Ist dieser uneigennützige Austausch von Wissen ein Charakteristikum der Ärzte?

In der Schweiz wurde die Herzchirurgie von zwei grossen Persönlichkeiten entwickelt: von Åke Senning und Marko Turina. Der eine war Schwede, der andere Kroate. Die Schweiz hatte das Glück, ausgezeichnete ausländische Lehrer zu haben. Deshalb ist es nur recht und billig, wenn wir jenen Ländern, die keine solchen grossartigen Lehrer haben, unser Wissen weitergeben. Ziel ist es, dass weltweit möglichst viele Herzpatienten eine faire Chance auf eine adäquate Behandlung erhalten, und dies unabhängig von ökonomischen Anreizen.

Welches Land stellt an Ihre Teams die grössten Herausforderungen?

Das sind Myanmar und Eritrea. In Myanmar gibt es einen Kinderkardiologen und einen Herzchirurgen auf 60 Millionen Menschen. Das ist fast reziprok zu Zürich, wo es rund 60 Herzchirurgen (inkl. Assistenzärzten) auf eine Million Einwohner gibt.

Woher kommt heute der medizinische Fortschritt? Vom genialen Mediziner? Oder von disziplinübergreifenden Teams?

Fortschritt braucht Teamwork. Wer jedoch glaubt, dass man Forschung und Erfindungen planen kann, der irrt. Die besten Innovationen entstehen fast immer durch Zufall. Auch mit noch so viel Geld lässt sich der Erfolg in der Forschung nicht herbeizwingen. Es braucht in erster Linie kluge Ideen und Zufälle. Beides ist unabhängig vom Geld. Fast alle grossen neuen Therapien sind aus Zufällen hervorgegangen.

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Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt legte 1983 das medizinische Staatsexamen an der Universität Zürich ab, erwarb den Facharzt für Allgemeine Chirurgie und arbeitete zehn Jahre unter Prof. Marko Turina an der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich, wo auch Dissertation und Habilitation erfolgten. Von 2000 bis 2006 war er Ordinarius und Chefarzt am Universitätsklinikum in Giessen sowie Gastprofessor an verschiedenen chinesischen Universitäten. Seit August 2006 arbeitet Paul Robert Vogt am HerzGefässZentrum der Klinik im Park in Zürich, die zur Hirslanden-Gruppe gehört. 2006 gründete er die EurAsia Heart Foundation. 2011 wurde er Ehrendoktor der Pavlov Medical University in St. Petersburg.

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