Bei Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom sollte zunächst die Hausarztpraxis aufgesucht werden. Eine klinische Untersuchung und eine neurologische Abklärung können die Diagnose bestätigen. Helfen Schiene und Schonung nicht ausreichend, kommt eine ambulante Operation zur Entlastung des Nervs infrage. Die Heilung dauert oft mehrere Wochen bis Monate. (cfr)
Seit einiger Zeit schläft mir (w, 75) nachts immer wieder die Hand ein. Wenn ich dann aufstehe und sie kräftig schüttle, wird es besser. Ist das altersbedingt oder sollte ich zum Arzt?
«Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Hausarztpraxis aufzusuchen. Mit klinischen Untersuchungen wird man prüfen, ob die Beschwerden durch ein Karpaltunnelsyndrom (CTS) verursacht werden. Beim CTS ist der Mittelnerv (Nervus medianus) im engen Karpalkanal des Handgelenks eingeklemmt. Typische Symptome sind nächtliches Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Je nach Ärztin oder Arzt erfolgt die Überweisung an einen Neurologen oder direkt an mich. Zuerst beklopft man das Handgelenk über dem Nerv. Elektrisierende Schmerzen, die bis in die Finger ausstrahlen, gelten als positives Hoffmann-Tinel-Zeichen. Anschliessend folgt der Phalen-Test. Dabei wird das Handgelenk maximal gebeugt. Tritt nach etwa 30 Sekunden ein Kribbeln auf, erhärtet dies den Verdacht auf ein CTS. Zur exakten Diagnosestellung misst der Neurologe anschliessend die Nervenleitgeschwindigkeit. Dazu stimuliert er den Nerv an bestimmten Stellen mit leichten Stromimpulsen und misst, wie lange die Signale für die Weiterleitung benötigen. Bestätigt sich die Diagnose CTS, versucht man zunächst, die Beschwerden mit einer nachts getragenen Handgelenksschiene zu lindern.
Bestehen die Symptome schon längere Zeit, kann eine ambulant durchgeführte Operation zur Entlastung des Nervs notwendig werden», sagt Dr. med. Jürg Gurzeler, Facharzt für Chirurgie mit 36 Jahren Berufserfahrung und insbesondere langjähriger Erfahrung in Handchirurgie. Dr. Gurzeler ist in seiner Praxis CuraArt in Zofingen sowie als Belegarzt an der Hirslanden Klinik Aarau tätig.
Welche OP-Methoden gibt es?
«Bei der offenen Operation wird ein Schnitt über dem Karpalkanal gesetzt. Anschliessend wird das zu enge Band gespalten und der Nerv freigelegt. Der Nerv besteht aus sensiblen Fasern, deren Enden sich an den Fingern und vor allem Fingerkuppen befinden. Sie ermöglichen das Fühlen. Daneben gibt es motorische Fasern, die die Verbindung zwischen Muskel und Gehirn herstellen. Bewegungsbefehle, wie das Berühren von kleinem Finger und Daumen, werden über sie vermittelt. Die motorischen Nervenfasern verlaufen in einem Seitenast und machen lediglich rund zehn Prozent der gesamten Nervenfasern aus. Dennoch sind sie von entscheidender Bedeutung. Werden sie verletzt, ist die Feinmotorik des Daumens gestört. «Bei der offenen Operation hat man den motorischen Seitenast-Nerv mithilfe einer Lupenbrille im Blick. Eine Verletzung kann damit weitgehend ausgeschlossen werden», betont Dr. Gurzeler. Bei der zweiten Methode, der endoskopischen Spaltung, erfolgt der Schnitt am Handgelenk. Bei diesem Eingriff kann es vorkommen, dass der motorische Nerv verletzt wird, wenn er wegen einer anatomischen Variante anders verläuft als erwartet. «Deshalb ziehe ich die offene Operation vor.»
Je nachdem, wie lange der Nerv bereits beeinträchtigt war, kann der Heilungsprozess mehrere Wochen oder sogar Monate dauern. In seltenen Fällen kann es zu Nachblutungen kommen, insbesondere bei Patienten mit Blutverdünnung nach Thrombosen oder nach Herzoperationen. «Infektionen sind eher selten. Sie entstehen meist dann, wenn nach dem Eingriff Hygieneregeln nicht eingehalten werden.»
Ist ein CTS altersbedingt?
«Nein, grundsätzlich können Menschen aller Altersgruppen betroffen sein – mit Ausnahme sehr junger Personen.» Frauen können während einer Schwangerschaft an einem CTS leiden, weil Sehnen und Bänder wegen der Hormonveränderungen anschwellen. Mit einer Schiene oder Massagen lassen sich die Beschwerden meist lindern. Nach der Schwangerschaft verschwinden die Symptome mit der Normalisierung der Hormone wieder. Bei älteren Menschen kann ein CTS entstehen, weil die Bänder mit zunehmendem Alter verhärten.