Eine Belastungsinkontinenz lässt sich meistens gut behandeln. An erster Stelle stehen gezieltes Beckenbodentraining und Physiotherapie, eventuell ergänzt durch ein Pessar (vaginale Stützhilfe). Bleiben die Beschwerden bestehen, kann mit einem minimalinvasiven Eingriff die Harnröhre stabilisiert werden. (cfr)
«Ich habe drei Kinder geboren und bemerkte bereits während der Schwangerschaften, dass ich beim Husten, Niesen oder bei körperlicher Anstrengung Urin verlor. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es und welche Therapie könnte mir helfen?»
«Mit diesem Problem stehen Sie nicht allein da. Rund ein Viertel aller Wöchnerinnen weist Verletzungen des Beckenbodens auf, die sich unter anderem durch Senkungsbeschwerden oder Harninkontinenz bemerkbar machen können. Während der Schwangerschaft wird das Gewebe des Beckenbodens weicher und stärker beansprucht. Bei einer Geburt muss zudem das Kind den Beckenboden passieren. Dadurch kann dieser an Festigkeit verlieren. Deshalb ist bei Beschwerden eine sorgfältige Untersuchung sinnvoll. Neben der gynäkologischen Untersuchung kann der Beckenboden mit einem Ultraschall beurteilt werden. Wichtig ist zudem festzustellen, welche Form der Inkontinenz vorliegt. Bei Ihnen sprechen die geschilderten Beschwerden für eine Belastungsinkontinenz: Typischerweise geht dabei beim Husten, Niesen, Lachen oder bei körperlicher Anstrengung ungewollt Urin verloren. Zunächst wird in der Regel konservativ behandelt. Eine wichtige Rolle spielen gezieltes Beckenbodentraining und Physiotherapie. Je nach Situation kann zusätzlich ein Pessar die Harnröhre beziehungsweise den Beckenboden unterstützen. Bleiben die Beschwerden bestehen und beeinträchtigen sie die Lebensqualität deutlich, kann ein minimalinvasiver Eingriff infrage kommen. Bei einer Schlingen- oder Bändchenoperation wird ein Band unter die Harnröhre gelegt, um sie zu stabilisieren. Für eine vertiefte Abklärung können Sie sich gerne an das neu eröffnete Ambulatorium für Gynäkologie und Geburtshilfe der Hirslanden Klinik Aarau überweisen lassen», sagt Dr. med. Kerstin Aurich, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe.
Wie funktioniert ein Pessar?
Pessare gibt es als Ring, Würfel oder Schale und in unterschiedlichen Grössen. Sie werden individuell angepasst und von der Patientin selbst in die Scheide eingesetzt – ähnlich wie ein Tampon. Nach etwa zwei Wochen wird kontrolliert, ob das Pessar richtig sitzt und die Beschwerden lindert. Falls nötig, können Grösse oder Form angepasst werden. Ergänzend können weitere unterstützende Behandlungen – etwa Akupunktur – angeboten werden. Bringen konservative Massnahmen nicht den gewünschten Erfolg, kann eine Operation geprüft werden. Der minimalinvasive Eingriff dauert in der Regel nur wenige Minuten und führt bei rund 85 Prozent der Patientinnen zu Beschwerdefreiheit. Auch wenn Beschwerden bestehen bleiben, stehen weitere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Welche geeignet ist, hängt unter anderem von der Art der Inkontinenz ab. Dazu können weiterhin ein Pessar oder bei bestimmten Formen der Blasenfunktionsstörung auch eine Behandlung mit Botox gehören. Die Betreuung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Hebammen und Physiotherapeuten.
Kann man einer Inkontinenz vorbeugen?
Ein kräftiger Beckenboden ist in jedem Alter wichtig. Ein regelmässiges Beckenbodentraining lässt sich sehr gut in den Alltag integrieren. Entsprechende Kurse oder auch Apps können dabei unterstützen. Beim Stuhlgang sollte starkes Pressen möglichst vermieden werden, da dies den Beckenboden zusätzlich belastet. Hilfreich sind zudem eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeit und regelmässige Bewegung. Beckenbodenschonende Sportarten wie Pilates eignen sich besonders gut. Auch ein gesundes Körpergewicht ist von grossem Vorteil, denn zusätzliches Gewicht erhöht den Druck auf den Beckenboden.